Website-Icon everything media

Jetzt ist schon wieder nichts passiert

Eine Auslage mit Teilen weiblicher Schaufensterpuppen in erotischer Reizwäsche

Aus den Augen, aus dem Sinn: Mit dem Verbannen der Prostitution wird auch zugedeckt, dass es um Menschenhandel, Gewalt und Missbrauch geht / F: spu

Das Geschäft mit Prostitution in Österreich, Deutschland und der Schweiz blüht und gedeiht und der Gesetzgeber schaut zu. Dabei ist Prostitution von Menschenhandel nicht zu trennen.

Von Brigitte Handlos

Als ich 1982 in den 15. Wiener Gemeindebezirk zog, rümpften einige meiner Bekannten die Nase. Der 15. Der Bezirk war damals wie heute nicht fein, eher noch sehr berüchtigt. Wenn man abends auf der Märzstraße, der Felberstraße oder der Hütteldorfer Straße heimging, standen links und rechts der Straße die Prostituierten. Aufgemascherlt in Miniröcken, mit Netzstrümpfen und viele in hochhackigen Lackstiefeln. Ich fragte mich schon damals, wie man DAS aushält. Im Winter war es kalt und feucht, im Sommer oft heiß und schwül. Aber die Frauen – damals noch vorwiegend Österreicherinnen – standen dort auf offener Straße und versuchten, Freier anzulocken.

Die Autos der Freier verstopften die Straßen. Man konnte zusehen, wie sie mit den Frauen durch die heruntergelassenen Fenster verhandelten. Und der 15. Bezirk war natürlich in Wien nicht die einzige Gegend, in der die Prostitution blühte. Da gab es noch das Stuwerviertel oder den Prater im 2. Bezirk. Aber durch die Nähe zum Gürtel, wo die Zuhälter ihre Bordelle betrieben, war der 15. Bezirk praktisch gelegen.

Nach wie vor blüht und gedeiht „das Gewerbe“. Jetzt aber sehr viel unsichtbarer für die Öffentlichkeit, was für die Diskussion, ob Sexkauf legal bleiben soll oder nicht, verheerend ist. Denn ein Problem, das die meisten Menschen nicht sehen, das gibt es für sie gar nicht. 

Schöne Frauen und diskrete Parkplätze


In der Stadt findet Prostitution nun in einschlägigen Etablissements statt; am Land findet sich, abgelegen von der einen oder anderen Gemeinde, ein sogenanntes „Laufhaus“. An einem im nördlichen Burgenland fahre ich hin und wieder vorbei. Es heißt „Hasentraum“. Das muss einem auch erst mal einfallen, aber wen wundert es in der patriarchalen Hochburg Österreich. Das Bordell preist nicht nur die schönen Frauen an, sondern auch die diskreten Parkplätze.

Laufhaus Hasentraum: Dekorierter Vordereingang, Werbung mit diskretem Parkplatz und Hintereingang / F: Screenshot

Denn auch hier hat sich in den letzten 40 Jahren die Prostitution in versteckte Räumlichkeiten verzogen und die Kunden wollen dann doch nicht, dass jemand vorbeifährt und ihr Auto erkennt. Genieren die sich vielleicht für ihren Sexkonsum? An der Zeit wär es. 

Während in Schweden (seit 1999), Norwegen, aber auch in Frankreich (seit 2013), Irland, Nordirland und Island das sogenannte „Nordische Modell“ gilt, das Sexkauf unter Strafe stellt, aber Prostituierte entkriminalisiert, gelten Österreich, Deutschland und die Schweiz als das Bordell Europas. Denn hier ist, was den Kauf von Sex betrifft, so gut wie alles legal.

Auf europäischer Ebene gibt es seit Langem ein Ringen um ein einheitliches Vorgehen in Bezug auf Sexkauf. Die SPD-Abgeordnete Maria Noichl hat in ihrem EU-Initiativbericht „Die Regulierung der Prostitution in der EU: ihre grenzübergreifenden Auswirkungen und die Konsequenzen für die Gleichstellung der Frauenrechte“, einen fundierten und aufsehenerregenden Bericht verfasst, den auch die österreichische sozialdemokratische EU-Abgeordnete Evelyn Regner mitgetragen und befürwortet hat. Doch auf nationaler Ebene hält die SPÖ an ihrem Parteibeschluss fest: Sexarbeit ist eine Arbeit wie jede andere. Das bedeutet, dass Sexarbeiterinnen angemeldet sein müssen, Sozialabgaben und Steuern zahlen, dadurch auch versichert sind und Zugang zum Gesundheitswesen haben.

Prostitution ist von Menschenhandel nicht zu trennen

Doch angesichts dessen, was sich im Bereich Prostitution abspielt, ist das weltfremd und zynisch. Ja, es gibt Frauen, die in dem Metier unter diesen Bedingungen arbeiten und damit redlich ihr Geld verdienen. Aber die Mehrzahl der Prostituierten hat überhaupt keinen Zugang zu unserem Sozialsystem, weil es sie eigentlich in Wahrheit gar nicht gibt in diesem Land. Sie scheinen nicht auf, weil sie illegal hier sind. Oder sie arbeiten via Internet in Foren, die sich zur Gänze unseren Zugriffen entziehen.

Aus den Augen, aus dem Sinn: Mit dem Verbannen der Prostitution wird auch zugedeckt, dass es um Menschenhandel, Gewalt und Missbrauch geht / F: spu

Die Frauen (und auch einige junge Männer) werden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Land gelockt. Meist mit der Aussicht, sie könnten gutes Geld mit guter Arbeit verdienen. Stichwort Hotelprostitution: Anfang Juni wurde eine konzertierte Schwerpunktaktion durchgeführt, an der das österreichische Bundeskriminalamt federführend beteiligt war. Die Frauen werden über Online-Foren für Arbeit im Hotelgeschäft angeworben. Sie arbeiten dann aber nicht nur in hotelrelevanten Sektoren, sondern werden auch als Prostituierte den Kunden angeboten. Im Zuge der Aktion im Juni wurden mehrere solcher Fälle in ganz Österreich bekannt und es gab mehrere Festnahmen.

Hier zeigt sich einmal mehr, was auch der Noichl-Bericht aufzeigt: Prostitution ist von Menschenhandel nicht zu trennen. Auch wenn die Verfechter:innen der selbstbestimmten Sexarbeit dies immer wieder bestreiten, wird hier mit Menschen, mehrheitlich mit Frauen, als Ware gehandelt. Und dass der Gesetzgeber dem seit Jahren keinen Riegel vorschiebt, ist skandalös. Immer wieder hört man das Argument, dass ein Verbot des Sexkaufs das Geschäft nur in den Untergrund dränge. Aber bitte, im Verborgenen ist es doch längst. Vielfach ist es auch im Un-Social Net verborgen. Aber halt legal. Und die Aufgabe des Gesetzgebers wäre es aus meiner Sicht, solche Machenschaften keinesfalls legal stattfinden zu lassen.

Ausbeutung als Kavaliersdelikt

Prostitution und Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung existieren, weil es die Nachfrage nach käuflichem Sex gibt. Die Entkriminalisierung des Erwerbs sexueller Dienstleistungen erhöht die Nachfrage und fördert die Ausbeutung. In Schweden, wo das Nordische Modell seit 1999 gilt, ist die Nachfrage um 80 Prozent gesunken. Laut schwedischen Behörden vor allem auch deshalb, weil Sexkauf nicht mehr länger ein Kavaliersdelikt ist, über das man am Stammtisch lächelt. In Schweden ist Sexkauf ein No-Go und Männer, die für Sex bezahlen, sind gesellschaftlich geächtet. 

In Österreich hingegen gilt es nach wie vor als eine Art Kavaliersdelikt. Der Mann holt sich halt, was er braucht. Neulich hat mich ein Gespräch mit einer jungen Frau schockiert. Wir redeten über das Nordische Modell und die Umkehr der Schuld, die dann bei den Freiern liege. Ihre Antwort ließ mich zusammenzucken. Sie frage sich, ob durch so eine Regelung es nicht häufiger zu Vergewaltigungen käme, wenn sich die Männer nicht mehr ausleben könnten. Ich sah sie sprachlos an. Wir haben 2026 und eine Frau stellt sich so eine Frage? Ich konnte es kaum glauben. 

Aber Fragen zum gekauften Sex und zu den Folgen für die betroffenen Frauen werden kaum öffentlich diskutiert. Man muss schon sehr gezielt suchen, um die Berichte von Ex-Prostituierten zu finden, die über die Ausbeutung und Gewalt berichten, die sie erlebt haben. Und hier fällt auch immer wieder auf, dass diese Frauen zumeist schon als Kinder und Jugendliche Opfer häuslicher Gewalt waren. Die rutschen nicht einfach so in die Szene, weil sie es so lustig finden. Und der zweite Punkt ist, dass viele Prostituierte nicht darüber reden, wie sie mit ihrer „Arbeit“ zurechtkommen. Die bayrische Gynäkologin Liane Bissinger beschreibt in ihren Vorträgen die verheerenden Schäden, die die betroffenen Frauen in der Prostitution erleiden: die vaginalen Verletzungen, die Infektionskrankheiten, die durch Sexualkontakt weitergegeben werden, die Schmerzen, die ein weiblicher Körper durch die mehrfache tägliche Penetration erleidet. Gar nicht zu reden von den psychischen Schäden.

Online-Pornografie hat Sex gewalttätiger gemacht

Zudem beschreibt Bissinger auch, um wie vieles aggressiver und gewalttätiger der Sex geworden ist in letzten 20 Jahren. Sie führt das unter anderen auf die weitverbreitete Nutzung der sozialen Medien zurück, wo Pornographie und käuflicher Sex sehr einfach für jeden zugänglich ist. Auch für Kinder! Das hat verheerende Folgen. Denn die Buben denken, dass die Frauen das genauso und nicht anders mögen. Verstärkt wird das noch durch Männer wie Tristan und Andrew Tate, die beiden britisch-amerikanischen Männer, die wegen Frauenhandel, sexueller Nötigung und Vergewaltigung angeklagt sind. Die Brüder propagieren ein Frauenbild, das geprägt ist von Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung. Die Tate-Brüder haben Millionen Follower im Netz weltweit und werden als „Influencer“ bejubelt, die mit Geld und schnellen Autos und vor allem Machosprüchen bei jungen Männern punkten. Dabei sind sie nichts anderes als brutale Verbrecher, und so sollten sie auch in den Medien benannt werden, nicht als Influencer verharmlost.

Ich möchte aber noch einmal in die Vergangenheit blicken, um zu zeigen, dass das gesamte Sexkauf-Milieu noch immer mit dem Flair von Verruchtheit und der Sehnsucht nach Freiheit verbunden ist. Die Frau ist frei und darf auch mit ihrem Körper tun, was SIE möchte. Nur ist das halt leider bei den wenigsten Prostituierten der Fall und endet oft sogar tödlich. Wie im Fall der deutschen Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt. Sie wurde 1957 in ihrer Wohnung erwürgt aufgefunden. Sie war eine Ikone und stadtbekannt, weil sie mit einem eleganten, schwarzen Mercedes 190 SL durch Frankfurt fuhr, um wohlhabende Freier aufzugabeln. Zu ihren Kunden gehörten wohlhabende Männer aus Wirtschaft und Politik. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Aber ihr Leben inspirierte unter anderem einen Roman, mehrere Spielfilme, das Musical „Das Mädchen Rosemarie“ und Theaterstücke.

Heroisierung von Missbrauch

Ein weiteres schreckliches Schicksal hatte die in Österreich weithin bekannte Zuhälterin Wanda Kuchwalek. Sie war in den 1970er-Jahren Wiens einzige weibliche Zuhälterin und gilt bis heute als Unterwelt-Legende. Dabei ist Kuchwaleks Leben ein einziges Trauerspiel aus Missbrauch, Gewalt, Aggression und Drogen.

Wanda Kuchwalek – später „Die Wilde Wanda“ genannt – wurde 1947 als Tochter einer Schlangentänzerin und eines russischen Soldaten in Wien geboren. Sie kam früh in diverse Erziehungsheime und wurde dort schwer misshandelt. Gewalt als Konfliktlösung war für sie ein probates Mittel. So führte Wanda immer eine Stahlrute oder ein Springmesser mit sich, mit dem sie auch ihre Lebenspartnerinnen (sie war lesbisch) dazu zwang, auf den Strich zu gehen. Wanda wurde 57 Jahre alt. 20 davon verbrachte sie hinter Gittern. Sie starb 2004 nach schwerer Krankheit völlig verarmt in Wien. Aber immerhin hat Marco Fitzthum, Frontman der erfolgreichen österreichischen Musikgruppe „Wanda“, seine Band nach ihr benannt.

Dieser Beitrag von Brigitte Handlos erschien ursprünglich in der Zeitschrift „Zukunft – Diskussionszeitschrift für Politik, Gesellschaft und Kultur”, Ausgabe 10/2026.

Die mobile Version verlassen