Ein persönlicher Blick auf die Causa nach 27 Jahren Erfahrung im ORF.
Von Brigitte Handlos.
Zur ORF-Causa Weißmann wird viel gesagt und gemutmaßt. Ich habe 27 Jahre im ORF in allen unterschiedlichen Abteilungen gearbeitet. Ich habe das unabhängige Frauennetzwerk-Medien mitgegründet. Wir haben 2007 mit anderen Frauengruppen im ORF uns zur Frauenplattform des ORF zusammengeschlossen, und ich war Teil der ORF-Frauentaskforce. Es gab regelmäßige Gesprächsrunden mit dem damaligen Generaldirektor Alexander Wrabetz. Dort wurden auch Missstände zur Sprache gebracht. Es wurde uns zumindest zugehört. Verstanden hat Alexander Wrabetz es nicht immer. Er ist ja selbst ein Mann mit einem etwas unmodernen Frauenverständnis.
Wenn sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks schlecht und übergriffig behandelt fühlen, können sie sich an mehrere Stellen oder Gremien wenden. Das ist nicht immer einfach und auch nicht immer von Erfolg gekrönt. Aber wir haben in der ORF-Frauentaskforce immer darauf gedrängt, dass die Unternehmenskultur besser und weniger sexistisch werden muss. Wir hatten hier auch in der Geschäftsführung (z.B. durch Direktorin Kathrin Zechner) immer gute Unterstützung. Es gibt die Gleichstellungskommission, in jedem Landesstudio gibt es eine Gleichstellungsbeauftragte. Es gibt einen Ethikrat, eine Compliance-Abteilung und auch eine Rechtsabteilung im öffentlich-rechtlichen ORF. Es gibt einen Redakteursausschuss und einen Betriebsrat.
Die Frauen-Taskforce war nicht immer erfolgreich und wir hätten uns mehr Unterstützung (auch von Frauen) erwartet.
Es war nicht immer einfach, die männlichen Führungskräfte davon zu überzeugen, dass die Umgangsformen der Männer im ORF sich dringend an die neue Zeit anpassen müssen. Einige mussten für die Compliance-Schulungen mehr als überredet werden. Übergriffe – welcher Art auch immer – müssen aufgezeigt werden und dürfen nicht folgenlos bleiben. Das war immer unser Ziel.
Als Mitglied der Frauen-Taskforce kann ich sagen: Wir waren nicht immer erfolgreich und hätten uns mehr Unterstützung (auch von Frauen) erwartet.
Wir haben auch regelmäßig mit Stiftungsräten und Stiftungsrätinnen des ORF Gespräche geführt. Mit mäßigem Erfolg. Im Stiftungsrat selbst herrscht ein rüder Ton, der oft abwertend ist. Vor allem den Stiftungsrätinnen gegenüber. Wir wissen das alles und dennoch hat es nie gereicht, dass wir es aufgezeigt haben. Das ist beschämend, und es tut mir persönlich sehr leid.
Ich hoffe, dass durch diese unschöne Causa, die im Rücktritt von GD Weißmann endete (und die vermutlich ein endloses und teures gerichtliches Nachspiel haben wird), sich endlich und ein für alle Mal etwas in der Unternehmenskultur des ORF ändert. Es wäre höchst an der Zeit.
Die Performance des jetzigen Stiftungsrates (in dessen Reihen übrigens auch ein Mann sitzt, der sich bezüglich sexueller Übergriffe nicht mit Ruhm bekleckert hat) ist wenig überzeugend. Irgendwie grummelt in meinem Bauch der Verdacht einer ganz, ganz üblen Intrige gegen GD Weißmann (der selbst an der Malaise schuld ist), und diese Intrige wurde bestimmt von jemandem angezettelt, der selbst nicht zu den aufgeklärten ORF-Männern gehört.
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