Die unheilige Dreifaltigkeit von X, SpaceX und Starlink machen Musk zum gefährlichsten Privatmann der Welt.

Was tun mit Elon (Musk)?

Ach Elon, wie konnte das nur geschehen? Schneller als ein Tesla S von Null auf 100 beschleunigt mutierte der bewunderte Visionär von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde. 44 Milliarden Dollar für Twitter und ein 100 Millionen Dollar Booster für Trumps Sieg zeitigen jetzt reiche Dividende und uneingeschränkten Zugang für seine Anti-Woke-Agenda wie sein Raketen- und Satellitengeschäft. Musk ist jetzt nicht nur der reichste, sondern auch der gefährlichste Privatmann der Welt. (Longread-Analyse von Helmut Spudich)

Deep Dive Elon Musk: Unhinged and most powerful and dangerous private individual in the world

I. The Woke Mind Virus

Die Geschichte seines ungebremsten, ja ungezügelten Aufstiegs ist zugleich das alarmierende Versagen von der USA bis zur EU, kritische Infrastruktur von Satelliteninternet bis zu Transportkapazität für Menschen und Satelliten in das Weltall unter ihrer Kontrolle zu behalten. Regierungen haben sich erpressbar gemacht, wie die Drohung zur Abschaltung des Starlink-Internets in der Ukraine ebenso wie die Rückholung gestrandeter Astronauten durch SpaceX zeigt.  

Lange Zeit war Musk für viele einfach das unternehmerische Genie, das mit SpaceX die Raumfahrt erfolgreich revolutionierte und mit Tesla die Elektrifizierung des automobilen Massenmarktes einleitete. Erst durch die kabarettreife Übernahme der Social-Media-Plattform Twitter („Ich will sie, ich will sie nicht“ – „Doch, jetzt musst du!“) und ihre anschließende Transformation zu X, der weltweit größten Fabrik für Desinformation und Hetze, wurde die Schattenseite Elons sichtbar. 

Nicht nur weil Musk wie mit der Kettensäge 80 Prozent der Mitarbeiter entließ und das für „Trust and Security“ zuständige Team einstampfte. Zu seinen ersten Maßnahmen gehörte die Re-Aktivierung von Rechtsextremisten, die davor wegen Hass & Hetze gesperrt wurden, darunter Ex-US-Präsident Donald Trump aufgrund seiner Postings zum gewaltsamen Run auf das Capitol. Musk selbst heizt dank 200 Millionen Follower und den undurchschaubaren Algorithmen von X gerne selbst an: „Warum versuchen sie Donald Trump umzubringen?  Und niemand versucht auch nur ein Attentat auf Biden/Harris“, lautete der später gelöschte Post nach dem zweiten Anschlagsversuch auf den Präsidentschaftskandidaten.

„Der Einsatz ist die Ukraine“… Musk galt seit vielen Jahren als verhaltensoriginell, was als mehr oder weniger harmlose Exzentrik abgetan wurde. Kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs forderte er via Twitter Putin zum Zweikampf auf: 

„I hereby challenge Владимир Путин
to single combat
Stakes are Україна“

– der Einsatz: Ukraine. Ganz als ob es ein James-Bond-Film wäre, in dem Sean Connery mit Klaus-Maria Brandauer ein gefährliches Spiel um „The rest of the world“ spielten. (Putin ersparte sich eine Reaktion.) Ein Jahr später forderte Musk seinen Rivalen auf der Reichstenliste „Zuck“ zum „Cage Fight“ auf. Meta-CEO Zuckerberg, ein trainierter Jiu-Jitsu-Sportler, nahm an, während Elon einen Rückzieher machte. 

Seit der Übernahme von Twitter und Wandlung zu X wurde aus Exzentrik durch Selbst-Radikalisierung die selbsternannte Speerspitze der „Anti-Woke“-Bewegung. Das Magazin The Atlantic sah dies bereits bei der Übernahme als Möglichkeit voraus. „Das allerdunkelste Szenario ist jenes, in der der reichste Mann der Welt eine Kommunikationsplattform in bösartiger, diktatorischer Art betreibt, und in der Musk Twitter als politisches Werkzeug verwendet um rechtsradikalen Anliegen zu betreiben und die von ihm als hirnverbrannt bezeichneten Liberalen zu bestrafen.“

„Illegale Migranten essen Eure Haustiere“… Dieses Szenario ist eingetroffen und gipfelte im ohnehin bereits offenkundigen, als Elon Musk im Juli mit einem skurillen Freudensprung seine vorbehaltlose Unterstützung auf Trumps Wahlkampfbühne erklärte. Mit Zitierungen („Retweets“) macht Musk alle Arten von Verschwörungstheorien hoffähig, die sonst nur in begrenzten rechtsradikalen Kreisen zirkulieren. Etwa die „Ilegale–Migranten–esssen-Eure-Haustiere“-Saga, der er zwei Tage vor der TV-Diskussion von Trump mit Kamala Harris zu einem Millionenpublikum verhalf. Indem Musk die sonst nur im rechten Untergrund verbreiteten Hass- und Verschwörungstiraden aufgreift gibt er ihnen Legitimität. Traditionelle Medien sehen wiederum einen Anlass, darüber zu berichten und den Kreislauf anzufeuern.  

Musk-Tweet to Taylor Swift: "Ich will give you child" / Screenshot von X
Musk-Tweet to Taylor Swift: „Ich will give you child“ / Screenshot von X

Eine besonders grindige Obsession ist Musks Variante der rassistischen Panik vor einer bevorstehenden „Umvolkung“, die „Great Replacement“-Saga. Weil Weiße keine Kinder mehr bekommen wird Musk nicht müde davor zu warnen, dass (nicht weiße) Migranten den Weißen ihre Jobs nehmen werden und ein Bevölkerungskollaps bevor steht. Seine dystopischen Warnungen klingen wie ein Echo seiner Kindheit und Jugend in der Apartheid Südafrikas und ist absurd auf einem Planeten, dessen Bevölkerung von acht auf zehn Milliarden Menschen wachsen wird. 

„Ich gebe Dir ein Kind“… Elons Verhalten nimmt dabei Züge eines Sektenführers an: Für (offiziell) 11 eigene Kinder von mehreren Frauen hat er heimlich benachbarte Liegenschaften in der texanischen Hauptstadt Austin erstanden, die zu einem Campus seiner Familien werden sollen. Nicht alle Mütter seiner Kinder wissen dies zu schätzen. Wie Musk auf Widerspruch zu seinen männlichen Allmachtsfantasien reagiert zeigte sich in einem TV-Interview, in dem er seine 20-jährige Transgender-Tochter Vivian als tot bezeichnete. Während der Pandemie hätte man ihn durch Tricks dazu gebracht, der Geschlechtsumwandlung seines Sohnes zuzustimmen. „Mein Sohn wurde durch den Woke-Mind-Virus getötet.“ 

(Weißen) Frauen bietet sich Musk als Samenspender an, um für weißen Nachwuchs zu sorgen. So trug er der früheren unabhängigen Kandidatin für die Vizepräsidentschaft Nicole Shanahan sein Sperma an, die dies ablehnte (Bericht der New York Times). Als Taylor Swift als „Childless Cat Lady“ zur Wahl von Kamala Harris aufrief, postete Musk auf X, „Fine Taylor … you win … I will give you a child and guard your cats with my life“. In Hinblick auf einen Pop-Star, die zu ihrem Schutz Millionen aufwenden muss, klingt dies wie ein verschlüsselter Aufruf zur Vergewaltigung.

II. Der Verstärker-Effekt

Wäre Elon Musk „nur“ als Besitzer von Twitter/X eine Art Social-Media-Murdoch würde er damit genug Schaden anrichten. Seine Instrumentalisierung von X war ein wesentlicher Faktor für den Wahlausgang, vielleicht sogar der entscheidende. Jedoch ist es die Kombination seiner via X hundertmillionfach verstärkten paranoiden Vorstellungen einer Welt, die er nach seinen Obsessionen formen will, mit der sehr realen Macht seiner Unternehmen wie SpaceX und Starlink. In militärischer Strategie ausgedrückt: Die Kombination der Lufthoheit über den rechten Stammtischen mit den Infrastruktur-Stiefeln am Boden der unternehmerischen Realpolitik. 

Musks Geschick als Unternehmer war es, die Geschäftschancen von tektonischen Technologieumbrüchen zu erkennen. Dabei nutzte er jeweils den monetären Erfolg als Sprungbrett für sein nächstes, größeres, teureres Vorhaben. Den Anfang machte er, zusammen mit seinem Bruder Kimbal, 1995 mit „Zip2“, das Firmeninformation in Online-Karten einbaute.

Startup-Schaukel … Aus dem Verkauf an den PC-Hersteller Compaq lukrierte Elon 22 Millionen US-Dollar, mit denen er 1999 sein Online-Startup X.Com (schon damals war Musk besessen vom Buchstaben X) finanzierte, ein Finanzdienstleister, aus dem durch die Fusion mit dem Konkurrenten Confinity schließlich Paypal wurde. Der Verkauf an eBay brachte Musk 180 Millionen Dollar, was in die Gründung von SpaceX floss sowie seine Rolle als Mitgründer von Tesla und Solar City, einem Hersteller von Photovoltaik-Anlagen, der später in Tesla aufging.

Mit einem privaten Raumfahrtsunternehmen setzte Musk 2002 buchstäblich auf ein „Moonshot-Projekt“ (Jargon von Investoren und Tech-Branche für Unternehmensziele, deren Verwirklichung sehr weit weg scheinen), noch dazu wo als Unternehmensmission die kommerzielle uninteressante Reise zum Mars vorgab. Raumfahrt war das Monopol von Staaten und nicht privater Investoren. 

Das Space-Shuttle Desaster 2003 erwies sich für SpaceX als unerwartete Gelegenheit. Plötzlich zeigte sich, dass die unterfinanzierte NASA nicht mehr in der Lage war, ihrer ureigensten Aufgabe nachzukommen. Gleichzeitig wurde immer mehr Transportkapazität für zivile Satelliten benötigt, für Aufgaben wie Kommunikation, Wetterdienste, Navigation oder Erdbeobachtungen verschiedenster Art.

Musk-Tweet: "It's morning in America again" / Screenshot von X
Musk-Tweet: „It’s morning in America again“ / Screenshot von X

SpaceX punktete mit zwei Stärken: Einerseits technologische Innovation im Raketenbau, die u.a. teure Antriebsteile (die Booster) landeten und somit wiederverwendbar machten, statt sie in der Atmosphäre verglühen zu lassen. Andererseits dank Innovation und Effizienz permanent sinkende Transportkosten für Satelliten, was völlig neuen Anwendungen ermöglichte. Eine davon war eine weitere Investition Musks: Das Starlink-System, bei dem tausende kleine, leichte, billige Satelliten (fast) jeden Fleck der Erde mit Breitband-Internet versorgen können.

Weltraummonopol … De facto hat inzwischen SpaceX eine Monopolstellung bei Transport als auch satellitenbasiertes Internet. Dies demonstrierte Musk eindrucksvoll, als er die von russischen Angriffen zerstörte ukrainische Telekommunikation mit überlebensnotwendigem Internet via Starlink ausstattete – nur um kurz darauf zu drohen, die Verbindungen wieder zu kappen. Erst der Kniefall des US-Verteidigungsministeriums vor Musk gewährleistete die weitere Versorgung. Wo russische Interessen betroffen sind, wie auf der Krim oder im russischen Grenzgebiet, gibt es jedoch weiterhin kein Starlink-Signal. 

Auch das mächtige US-Militär hat sich längst in die Abhängigkeit von Musk begeben und nutzt seine Starlink-Infrastruktur. Vor kurzem wurde bekannt, dass Musk und SpaceX inzwischen auch das Geschäft der Herstellung und den Transport von Spionagesatelliten bespielen, ein weiteres Feld staatlicher Abhängigkeiten vom Privatmann Musk – offenbar ungeachtet des Umstands, dass Musk seit 2022, als er Putin noch ergebnislos zum Zweikampf um die Ukraine aufforderte, geheime Direkt-Kontakte zum russischen Kriegsherren unterhält (Bericht der Washington Post). Dabei dürfte Musk aufgrund einer früheren Drogenstrafe nicht die ihm gewährte höchste Security-Clearance haben, die für das Raumfahrtgeschäft erforderlich ist.

Selbst in der bemannten Raumfahrt ist SpaceX für die NASA längst unentbehrlich geworden. Nachdem die Mitfluggemeinschaft mit russischen Kapseln ausgesetzt ist und Boeing mit anhaltenden technischen Problemen kämpft, betreibt SpaceX das einzige funktionierende Transportmittel zur internationalen Raumstation ISS. So wird Musk mit dem „Space Dragon“ zum edlen Retter gestrandeter Astronauten und einmal mehr unverzichtbar.      

Elektrifiziert … Auch Tesla war 2004, als Musk in das Startup investierte, ein Moonshot-Projekt. Der vollständige Wechsel vom Verbrenner- zum Elektromotor, verbunden mit autonomen Fahren, war damals eine kühne Vision. 15 Jahre später ist das Unternehmen wertvoller als alle anderen etablierten Automarken zusammen und Tesla unbestrittener E-Marktführer.

Bei Bedarf entwickelt das Unternehmen beachtlichen unternehmerischen Druck auf die Politik. In Deutschland etwa, wo Tesla in Grünheide bei Berlin eine seiner weltweit größten „Gigafactories“ aus dem Boden stampfte, wurden Behördenverfahren in wenigen Monaten erledigt, die sonst Jahre brauchen. Obwohl Tesla selbst einen beachtlichen Teil seiner Produktion in China hat, wird Musk durch die deutsche Fabrik zu einem der größten Nutznießer der bevorstehenden Strafzölle auf den Import chinesischer E-Autos. Tesla in China ist wiederum ein Hebel der kommunistischen Regierung auf Elon Musk und die US-Politik: Sowohl in Hinblick auf Handelsbeziehungen als auch die Versorgung Taiwans mit Starlink-Internet im Konfliktfall. 

Neben Twitter/X, SpaceX und Tesla wirken andere Musk-Startups wie eine kuriose Schmetterlingssammlung mit (noch) unbekanntem Potenzial. Da ist die Boring Company, die Tunnelbaumaschinen entwickelt und herstellt. Zur Gründungslegende gehört, dass sich Musk über Staus auf den Autobahnen von Los Angeles ärgerte und darum den Verkehr unterirdisch verlegen will. Falls Musk seine Vision des besseren Planeten B auf dem Mars verwirklichen kann wird dort viel Tunnelbau nötig sein. Vielleicht war ja auch der Schwarzenegger-Film „Total Recall“ die eigentliche Inspiration für die Boring Company.

Neuralink heißt das Startup, das mit Hilfe von Hirnimplantaten die Verschmelzung von Mensch und digitaler Maschine vorantreibt. Die Musk-Vision: Den Download von Hirninhalten ebenso wie den Upload neuer Inhalte zur Erschaffung des neuen Menschen. Die Mission des digital verbesserten Menschen wird vom Founders Fund des Tech-Investors Peter Thiel finanziert, noch ein Superreicher (Musk und Thiel sind seit Paypal miteinander verbunden) auf der Suche nach der Superrasse. Nahe liegende praktische Anwendungen von Neuralink sind hingegen erste Erfolge, gelähmten Personen die Bedienung von Computern und damit die Kommunikation mit ihrer Umwelt zu ermöglichen.

Musks jüngstes Startup ist xAI zur Entwicklung künstlicher Intelligenz. Bereits 2015 war Musk an der Gründung von OpenAI beteiligt, dessen ChatGPT zum Inbegriff der „Large Language Models“ wurde. Da Kooperationen zwischen Hochbegabten nur selten lange halten, hatte Musk ein Falling-Out mit OpenAI-Gründer Sam Altman und tat sich in den letzten Jahren als Warner vor dem zerstörerischen Potenzial von KI hervor, ehe er selbst ein KI-Unternehmen gründete.

Das Potenzial für die X-ifizierung einer Musk-KI ist groß. OpenAI, Während sich Microsoft, Google und andere darum bemühen, ihren KI-Modellen Regeln gegen Desinformation und Hetze beizubringen ist dies für Musk ein weiterer Beleg für den „Woke Mind Virus“. Wenn xAI dem Vorbild von X folgt, dessen Inhalte es bereits für das Training verwendet, dann wird es eine ungehemmte KI sein, die unter dem Vorwand von „Free Speech“ alle Arten von Missbrauch zulässt.

III. Die machtlose Demokratie

Musk-Tweet "The trutz will set you free" / Screenshot von X
Musk-Tweet „The trutz will set you free“ / Screenshot von X

Demokratie ist die (mehr oder weniger) freiwillige Selbstbegrenzung individueller Macht, die nie über der Macht der Gemeinschaft stehen darf. Nur dadurch kann es letztlich zur friedlichen Weitergabe dieser Macht im Zuge von Wahlen kommen, egal wie eigentümlich (und einzelne Gruppen benachteiligend) Wahlsysteme sind. 

Da Macht verführerisch ist sorgt in Demokratien ein komplexes Regelwerk und System sich gegenseitig kontrollierender Institutionen dafür, dass individuelle Macht begrenzt wird. In den USA dürfen Präsidenten nur zwei Amtsperioden diese Macht inne haben, und andere Institutionen – Congress, Gerichtshöfe – müssen dafür sorgen, dass sie nicht ein drittes Mal auf dem Stimmzettel landen.

Aber was passiert, wenn sich der Machthaber über die Regel hinwegsetzt und mit Hilfe des Mobs und der Befehlsgewalt über das Militär (das den Mob stoppen sollte, da lokale Polizeikräfte dafür zu schwach sind) das Parlament daran hindern willen, den Wählerwillen durchzusetzen? Donald Trump hat 2016, zum ersten Mal in der Geschichte der mächtigsten Demokratie der Welt, die Tür zu diesem demokratischen Alptraum einen Spalt weit geöffnet. Und wenige Tage vor der letzten Wahl bedauerte er in einem Interview, er hätte das Weiße Haus nie verlassen dürfen“. 

Woher kommt Macht? … Das Recht geht vom Volk aus, heißt es im ersten Artikel der österreichischen Verfassung. Aber von wem geht die Macht aus? Diese zentrale Frage wird nur indirekt durch das Regelwerk der Verfassung beantwortet. Letztlich setzt es an oberster Stelle immer die freiwillige Regelbefolgung voraus. Der oberste Befehlshaber in jeder Demokratie, der sich mit Hilfe seiner Befehlsgewalt über Militär oder Polizei die Regeln brechen will, kann nur durch zivilen Ungehorsam am Putsch gehindert werden – oder durch den Aufstand der Bevölkerung. Diese Einsicht der amerikanischen „Verfassungsväter“, die im bewaffneten Aufstand die Macht des englischen Königs gebrochen hatten und keinen neuerlichen König dulden wollten, führte zum berüchtigten zweiten US-Verfassungszusatz, der das Recht auf Waffenbesitz zur Bildung von Milizen garantiert.

Aber während Demokratien über Regelwerk und Institutionen verfügen, um Machtmissbrauch im Staat möglichst zu verhindern, zumindest gering zu halten, deckt der ungebremste Aufstieg des Privatmanns Elon Musks zum geopolitisch mächtigen Player eine gefährliche Lücke in unserem demokratischen System auf. Die Regeln und Institutionen, seine Macht zu begrenzen, sind bedrohlich schwach. Und Musk hat stets originelle Wege gefunden, Regeln zu umschiffen. Mit einem Studentenvisum arbeitete er in den 1990er-Jahren, was ihn zum illegalen Migranten machen würde und Grund für eine Abschiebung wäre (Washington Post). Seine frühere Drogenverurteilung sollte es unmöglich machen, dass SpaceX staatliche Aufträge bekommen. Ein Richter in Delaware erklärte Teslas Milliardenzahlungen an Musk für rechtswidrig, also übersiedelte er Tesla aus der Jurisdiktion von Delaware nach Texas. 

Unheilige Dreifaltigkeit … Jetzt hat Musk einen willigen Vollstrecker im höchsten Amt der USA. X, SpaceX und Starlink sind die unheilige Dreifaltigkeit seiner Machtausübung. Sein Raumfahrtunternehmen sitzt an einer zentralen Schaltstelle des „militärisch-industriellen Komplexes“: Der republikanische US-Präsident Dwight Eisenhower und Held des 2. Weltkriegs prägte diesen Begriff in seiner Abschiedsrede 1961, um vor dem Schaden zu warnen, den die Demokratie durch das Zusammenspiel von Militär und Rüstungsindustrie erleiden kann. Mit X verfügt Elon Musk über das Massenmedium, mit dem sich die Emotionen der „Second Amendment People“ (Trumps Bezeichnung der Waffenträgern, die sich schon 2016 um Hillary Clinton kümmen sollten und 2021 das Capitol stürmten) aufschaukeln lassen – ob er nun einem Popstar „ein Kind geben wird“ oder zum Kampf gegen den Woke-Mind-Virus aufruft. 

Die gesellschaftliche Selbstaufgabe, die solche Macht in den Händen von Elon ermöglicht hat, ist nicht nur ein amerikanisches Problem. Die Europäische Union ist von dieser ungebremsten Machtkonzentration genauso betroffen, ohne eine Strategie dagegen zu haben. So sind zivile Satelliten für moderne Industriegesellschaften unverzichtbar geworden und die (teure) europäischen Transportkapazität in den Weltraum kann die Nachfrage längst nicht mehr bedienen. Ironie der Geschichte: SpaceX befördert unter anderem europäische Galileo-Satelliten ins All – um Europa unabhängig vom US-amerikanischen GPS-System zu machen. 

Die Macht der Sterne … Die Bedeutung eines satellitenbasierten Internetsystems in Krisen- und Kriegszeiten wird uns in der Ukraine vor Augen geführt. Eine wachsende Zahl von Naturkatastrophen, wie zuletzt in Spanien, wird wiederkehrende großflächige Ausfälle terrestrischer Telekommunikation unabwendbar machen. Derzeit (und auf Jahre hinaus) gibt es dann keine Alternative zu Elons Wohlwollen und sein Starlink-Internet. In Brasilien hat Musk bereits gezeigt, dass er Konflikte mit Staaten nicht scheut: Nachdem das Höchstgericht X dort wegen illegaler Inhalte aus den terrestrischen Netzen verbannte, ermöglichte Starlink weiterhin den Zugang zu X. Erst im letzten Augenblick lenkte er ein, um der teuren Beschlagnahme seiner bodengebundenen Infrastruktur zu entgehen

X ist auch in Europa zum Instrument der Hetze geworden. Davor sollten uns Digital Services Act und Digital Markets Act schützen, aber über Anfragen an X ist die EU-Kommission bisher nicht hinausgekommen. Im Gegensatz dazu wurde die Facebook-Mutter Meta bereits mehrmals wegen mangelnden Schutz seines Publikums zu hohen Strafen verurteilt, mit entsprechenden Maßnahmen auf der Plattform. 

Was tun also mit Elon, und den künftigen Elons, die als „Privatpersonen“ solche Macht ausüben? Brüssel, übernehmen Sie – es gibt Bedarf nach durchsetzungsfähiger Regulierung, die uns Bürgerinnen und Bürger vor unkontrollierter Macht schützt. Ein „zweiter Verfassungszusatz“ für ein Bürgerrecht auf Waffen ist nicht die Lösung.

Ein Beitrag von Helmut Spudich, Podcast Deep Dive mit KI-Hilfe von Google NotebookLM (der Autor hätte es selbst nicht besser sagen können;)

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