Die wohlmeinenden Milliardäre

Anfang Februar hielt Microsoft-Gründer Bill Gates eine Keynote bei der alljährlichen TED-Konferenz im kalifornischen Palm Springs. TED – Technology, Entertainment, Design – hat sich über 25 Jahre zu einer Art amerikanischen Davos entwickelt:

Ein mehrtägiges Happening für geladene High-Flyers aus Wissenschaft und Technologie, Wirtschaft, Unterhaltung und Politik, die hier ihre Vision einer besseren Welt diskutieren. Der frühere US-Vizepräsident Al Gore predigte hier 2006 sein Evangelium einer „unbequemen Wahrheit“. Mitgliedschaft im exklusiven TED-Klub kostet 6000 Dollar jährlich und braucht der Befürwortung anderer Klubmitglieder.

Wie bei Dutzenden Vorträgen seiner Laufbahn als Microsoft-Legende brachte Gates seinem bewundernden Publikum auch diesmal ein Demo-Objekt mit. Während die unvermeidliche Powerpoint-Präsentation auf einem riesigen Videowall „How do we stop a deadly disease that is spread by a mosquito?“ projiziert, öffnete Gates das mitgebrachte Glas und setzte eine Hand voll Stechmücken frei.

In den 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, setzte Gates hinterlegt mit eindrucksvollen Charts fort, habe die jahrtausendealte Krankheit mit fünf Millionen Toten ihren Höhepunkt erreicht. Erst eine Kombination aus der Vernichtung von Moskitos durch Pestizide und Bekämpfung der Krankheit durch wirksame Medikamente habe in den reichen Ländern Malaria praktisch zum Verschwinden gebracht.

Aber „die Investitionen hörten auf, nachdem das Problem in den reichen Ländern gelöst war. Darum dachte ich mir, Sie sollten einmal erleben, wie es den Armen geht“, sagte Gates und öffnete das Moskito-Glas. „Keine Angst, sie sind nicht infiziert.“

„Haarausfall ist eine schreckliche Sache, und weil es viele reiche Männer betrifft, geben wir mehr Geld für die Erforschung von Behandlungsmethoden gegen Glatzen aus als für die Malaria-Forschung“, brachte Gates, dessen Markenzeichen noch immer seine bubenhafte Nerd-Frisur ist, das Dilemma freier Märkte auf den Punkt.

Klub der guten Kapitalisten

30 Jahre lang tingelte Gates als erfolgreicher Evangelist des digitalen Zeitalters durch die Welt. Wo immer seine Roadshow ihre Zelte aufschlug, ob bei der alljährlichen Elektronikschau CES in Las Vegas oder einer Entwicklerkonferenz in der Wiener Hofburg, überall drängten sich die ohnedies bereits Bekehrten, um über neue technologische Wunderdinge direkt aus dem Munde des Mannes zu erfahren, der den Planeten mit seinem Mantra von „ein PC auf jedem Schreibtisch und in jedem Heim“ missionierte. Seinen Status als reichster Mann der Welt verdiente er sich mit dem De-Facto-Monopol des Microsoft Betriebssystem Windows (so das Urteil des US-Kartellgerichts) und der scheinbar unverzichtbaren Office-Software.

Warren Buffet investiert seine philantropischen Milliarden in die Foundation von Bill und Melinda Gates / F: Gates Foundation

Im Sommer 2008 wechselte Gates jedoch von seinem gut dotierten Vollzeitjob bei Microsoft, deren Tagesgeschäfte schon seit dem Jahr 2000 sein Intimus Steve Ballmer führt, zu einem unbezahltem Vollzeitjob bei der Bill & Melinda Gates Stiftung. Dort hat sich der 53-jährige Neo-Sozialarbeiter eine neue Aufgabenliste verpasst, gegen die die PC-Missionierung der Welt (zu einem Drittel erfüllt) ein Klacks ist: Malaria ausrotten; Kindersterblichkeit in den nächsten 20 Jahren von zehn auf fünf Millionen Kinder halbieren; bis 2025 das Einkommen der 150 Millionen ärmsten ländlichen Haushalten in Subsahara-Afrika und Südasien verdreifachen. Ach ja, noch was: Das US-Schulsystem reformieren, in dem „Kinder aus niedrigen Einkommensschichten eine größere Chance haben im Gefängnis zu landen als auf einem College“.

Auch für den reichsten Mann der Welt ist dies keine Kleinigkeit. 13 Jahre lang führte Gates die Forbes-Liste der Reichsten der Welt an, ehe ihn (bei 58 Milliarden Dollar Vermögen) im Vorjahr sein väterlicher Freund und Bridgepartner Warren Buffett (mit 62 Milliarden Dollar) und der mexikanische Telekom-Magnat Carlos Slim Helú (mit 60 Milliarden Dollar) auf den dritten Platz verwiesen. In Anbetracht ungelöster globaler Probleme wie Armut, Malaria, Aids oder Kinderlähmung sind selbst solch unvorstellbar großen privaten Reichtümer nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Da trifft es sich gut, dass der Drang zum Gutsein in den letzten Jahren nicht nur Gates, sondern zahlreiche Superreiche erfasst hat. Im Sommer 2006 schloss sich Tabellenführer Warren Buffett dem Klub der guten Kapitalisten an. Und er tat dies in einer Art, die das boomende Feld des „Philanthrokapitalismus“, wie es Economist-Redakteur Matthew Bishop in seinem gleichnamigen Buch taufte, nachhaltig beeinflussen könnte.

Buffett folgte dabei seiner lebenslangen Investment-Strategie, Dinge nicht selbst zu tun, sondern jeweils auf das beste Pferd zu setzen. Diese Philosophie mehrte das Vermögen vieler seiner betuchten Anleger, trug ihm den Ehrentitel des „Weisen von Omaha“ ein (nach seinem Wohn- und Firmensitz in der Hauptstadt von Nebraska) und machte ihn schlussendlich noch reicher als Bill Gates.

Bei seinem Plan, sein unvorstellbares Vermögen noch zu Lebzeiten für gute Zwecke auszugeben, blieb der inzwischen 78-jährige Buffett dem Erfolgsrezept treu: Auf ausgewiesene Gewinner setzen. Sechs Milliarden überschrieb er im Juni 2006 den gemeinnützigen Stiftungen seiner Kinder und der Stiftung seiner zwei Jahre davor verstorbenen Frau; der Löwenanteil von 31 Milliarden Dollar ging hingegen an die Gates Foundation. Einzige Auflage: Das Geld muss in den nächsten zehn Jahren für die Stiftungszwecke verbraucht werden. Schließlich wolle er ja noch erleben können, was damit getan werde.

Die doppelte Botschaft an andere Mitglieder des Milliardärs-Klubs: Erstens, das zu Lebzeiten angehäufte Vermögen nicht der eigenen Sippschaft zu vermachen, sondern der Gesellschaft zurück zu geben – eine Philosophie, die als erster der Stahlbaron Andrew Carnegie in seinem „Evangelium des Reichtums“ 1886 postulierte. Carnegie fand, dass übergroßes Erbe nur zum Nachteil der Nachkommenschaft wäre. Statt selbst Herausforderungen im Leben zu suchen und neue Werte zu schaffen würden die Erben das angehäufte Kapital nur noch konservativ und nicht unternehmerisch verwalten, um möglichst viel davon an künftige Generationen weiterzureichen.

(Wie recht Carnegie damit hatte, zeigt auch die derzeitige Finanzkrise, deren Kern der Versuch zur immensen Geldmehrung durch bloße Geldanlage ist. Bestes österreichisches Beispiel die Geschichte von Julius Meinl V, dem die Nahrungsmittelindustrie seiner Ahnen zu wenig glamourös war, sie Großteils verkaufte und ins Geldgeschäft ging, mit dem bekannten Absturz.)

Die zweite Botschaft Buffets: Das Geld für wohltätige Zwecke tatsächlich auszugeben und nicht in Stiftungen zu bunkern, die meist nur fünf Prozent jährlich oder etwas mehr ausschütten (dieser Satz ist in den USA Stiftungen im Gegenzug für gewährte steuerliche Begünstigungen vorgeschrieben – eine Regelung, die im österreichischen Privatstiftungsgesetz verabsäumt wurde). Denn eine große Geldspritze über kürzere Zeiträume kann möglicherweise mehr Effekte erzielen, als eine dahin tröpfelnde Infusion – etwa um in der Malaria-Forschung einen Durchbruch zu erzielen. Noch ein Dilemma bleibt dem Stifter damit erspart: Er kontrolliert, was mit seinem Geld passiert und kann dabei auch mehr Risiko für viel versprechende Projekte eingehen – anstatt das Ausgeben nach seinem Tod einem Stiftungsrat zu überlassen, der sich mehr dem Vermögen als dem Stiftungszweck verpflichtet fühlt und darum knausert.

Philanthropische Gründerzeit

Gates und Buffett sind nur die – wenn auch finanzmächtigste – Krone einer Welle an Milliardären, die am Geldausgeben zur Lösung der Probleme des Planeten Lust gefunden haben. Die beiden letzten Jahrzehnte haben vor allem im Bereich der Informationstechnologie und des Finanzsektors gigantische private Vermögen hervorgebracht, vergleichbar nur mit den Stahl- und Eisenbahnbaronen des 19. Jahrhunderts und den Ölmagnaten des frühen 20. Jahrhundert.

Die jetzige Finanzkrise betrifft sie zwar wie alle anderen Anleger, aber nicht so dramatisch wie dies Berichte über Stiftungen nahe legen, die durch die spektakulären Betrügereien von Bernard Madoff und Allen Stanford Pleite gingen oder in Bedrängnis kamen. Meist waren dies kleine, sehr private Stiftungen, die ihr Vermögen wie unvorsichtige Privatpersonen nicht diversifizierten und auf Madoff wie einen Paten vertrauten. Große, etablierte Stiftungen wissen sich hingegen auch in Krisenzeiten besser zu behaupten und haben ein eher konservativ agierendes professionelles Finanzmanagement.

„Unser Vermögen war in den guten Zeiten der letzten Jahre schon fast bei neun Milliarden Dollar, jetzt sind wir wieder dort, wo wir davor waren, mit etwas mehr als sechs Milliarden Dollar“, sieht Paul Brest, Präsident der vor allem im Bereich Umweltschutz und Bildung tätigen William & Flora Hewlett Foundation, seine Arbeit nicht gefährdet. Bill Hewlett und David Packard, die beiden Gründer des weltgrößten Computerkonzerns HP, waren quasi die Gates der ersten IT-Welle; beide gründeten mit dem Großteil ihres beträchtlichen Vermögens zwei nach ihnen benannte Stiftungen, die auch rund 40 Jahre nach der Gründung zu den zehn größten gemeinnützigen US-Foundations zählen. Ende Jänner erklärte Bill Gates in seinem Jahresbrief, dass die Gates Foundation 2008 zwar rund 20 Prozent an Wert verloren habe (eine bessere Performance als der Gesamtmarkt), aber dennoch ihre Aufwendungen von 3,3 auf 3,8 Milliarden Dollar aufstocken werde.

Während sich Spitzenverdiener in Deutschland und Österreich im vergangenen Jahr schmählich damit hervortaten, sich sogar ihrer selbstverständlichen Verpflichtung zur Steuerleistung durch Verschiebungen nach Liechtenstein und andere Steueroasen entziehen zu wollen, führte der neue Superreichtum in den USA, teils auch bei Milliardären anderer Länder, zu einer philanthropischen „Gründerzeit“. Carlos Slim Helú, 2007 vorübergehend der reichste und 2008 hinter Buffett und vor Gates drittreichster Mann der Welt fügt sich in dieses Bild, obwohl seine Angaben zu Vorhaben noch vage sind. Bis 2011 will Helú die Ausstattung seiner Stiftungen von vier auf zehn Milliarden Dollar erhöhen.

Startete mit Milliardenspende an die UNO einen Trend: CNN-Gründer Ted Turner
Startete mit Milliardenspende an die UNO einen Trend: CNN-Gründer Ted Turner

Diesem Trend folgend veröffentlicht das Online-Magazin Slate seit 1997 die „Slate 60“ mit den 60 größten Spendern des jeweiligen Jahres. Das an die Forbes 100 Liste der Reichsten angelehnte Ranking geht auf CNN-Gründer Ted Turner zurück. Turner versprach damals, in der nächsten zehn Jahre den Vereinten Nationen insgesamt eine Milliarde Dollar zu spenden – aus Scham darüber, dass die USA chronisch mit ihren Mitgliedszahlungen zurückliegen. Die Reichen würden immer an ihrem Vermögen gemessen, und nicht daran, was sie davon zurückgeben würden, klagte Turner bei seiner Spendenrede. Slate (vorübergehend im Besitz von Microsoft, heute der Washington Post) nahm sich das zu Herzen und publiziert seither sein Stifter-Ranking.

Gutes versprechen ist leichter als Gutes tun. Zunächst wussten die Vereinten Nationen nicht, ob sie die Privatspende überhaupt annehmen konnten; zur Abwicklung wurde schließlich die UN-Foundation gegründet. Turners Spendenversprechen ist nur teilweise erfüllt. Denn mit dem Blasen der Dotcom-Blase 2000/01 verlor der Medienmogul, der CNN an „New Media“ AOL Time Warner verkauft hatte, 80 Prozent seines Vermögens. Die UNO vereinbarte mit Turner einen neuen Zahlungsplan, und Turner machte seinen Ausfall durch Spenden anderer Superreicher wett. Eine Milliarde war schließlich im Oktober 2006 herinnen: 600 Millionen von Turner, 400 Millionen durch andere Spender.

Sobald er die restlichen 400 Millionen bezahlt hat, werde er kein weiteres Geld für Spenden mehr haben, erklärte Turner. Aber seine Initiative lebt weiter, die UN Foundation bleibt bestehen und wird vielleicht – so wie die Gates Foundation – weitere Reiche dazu anregen, in die Stiftung für UN-Aufgaben einzuzahlen anstatt selbst nach Projekten zum Geldausgeben zu suchen. Auch auf die UN hat dies Auswirkungen: Denn sie müssen nunmehr für diese Ausgaben der UN Foundation Rechenschaft ablegen und sie nicht nur einer anonymen multinationalen Bürokratie verantworten.

Jahrmarkt der Spendeneitelkeiten

„Reiche Leute wollen in der Zeitung stehen“, erklärte Turner banal, warum er Slate 60 animierte, „darum besitzen sie auch Sportklubs“. Um auf die Liste zu kommen muss man inzwischen bereits 30 Millionen Dollar spenden – bei der Gründung waren es erst zehn Millionen. „Nudge“, sanft aber bestimmt anstupsen, nennen Wirtschaftsprofessor Richard H. Thaler und Jus-Professor Cass R. Sunstein von der Universität Chicago das Prinzip des „libertarian paternalism“, das Menschen freiwillig zu Dingen bewegen soll, die sie aus rein rationalen Gründen nicht tun würden. Warum Spenden hunderttausende Menschen bei der alljährlichen Mitleidsshow Licht ins Dunkel? Eben weil es so viele andere auch machen, und weil zumindest ein Teil davon die Chance hat, auf den TV-Listen als Spender aufzuscheinen.

Einiges spricht dafür, dass es bei den Superreichen nicht anders funktioniert. Wer hat die größte Yacht? (Oracle-Gründer Larry Ellison ist mit seinem 60-Meter-Schiff „Rising Sun“ sicher ein Anwärter auf einen Stockerlplatz; über die Spendenaktivitäten des mit 25 Milliarden Dollar drittreichsten Amerikaners und 18-reichsten der Welt ist weniger bekannt. Dafür finanziert er seit Jahren ein Segelteam, das den angestrebten America’s Cup noch immer nicht erreichte, was Ellison vermutlich nur zu weiteren Ausgaben anstachelt.) Wer hat das teuerste Haus (Bill Gates ist mit seiner 100-Millionen-Dollar Residenz ein sicherer Anwärter)? Wer hat den größten Flieger (die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page halten sich zwei Boeing 767)?

Aber sobald all dies abgehakt ist, bleiben den wirklich Superreichen immer noch viele Milliarden, die sich nicht mehr wirklich ausgeben lassen – noch eine Yacht, noch ein Haus, noch ein Flieger: Bei Milliarden-Vermögen zeigt auch die größte Verschwendung nur geringe Ausschläge der Gesamtsumme, noch dazu, wo ständig neuer Reichtum zufließt. Außer man investiert das Geld in Aufgaben, deren Lösung zu finanzieren allenfalls ein kleiner elitärer Klub á la Gates und Buffet erträumen kann. Gates hat seine gemeinnützige Stiftung bereits mit über 30 Milliarden Dollar ausgestattet; Buffett wird mehr als diesen Betrag noch dazu legen. Beide wollen den Großteil ihres restlichen Vermögens weiterhin in ihre Wohltätigkeit investieren und fordern andere Superreiche dazu heraus, es ihnen nach zu machen: Eine Art Wettlauf der Wohltätigkeit.

„Gutes tun“ ist für viele, die es früh zu viel Geld gebracht haben, zum Lebensinhalt geworden. Wie sinnvoll einzelne Projekte aus der Sicht gesellschaftlicher Bedürfnisse sind, darüber lässt sich wahrscheinlich streiten: Milliardäre wie Microsoft-Mitgründer Paul Allen oder Amazon-Gründer Jeff Bezos sponsern Sportmannschaften, Rock-Museen und den mit 10 Millionen Dollar dotierten X-Preis, der für den ersten, privat entwickelten Raumflug an Space Ship One ging.

Kunstsammlungen und wohldotierte Kulturinstitutionen wie die „Met“ in New York oder die Salzburger Festspiele sind von jeher Objekte „wohltätiger“ privater und unternehmerischer Sponsoren. (Weil sie manchmal daran Programmauflagen knüpfen oder bestimmte Künstler fördern oder verhindern wollen, weckt dies auch Kontroversen, wie bei der Met.) Obwohl im Sport und in der Kultur längst große ökonomische Interessen walten, galten der Republik Österreich bis zur jüngst vorgenommenen Neuregelung der steuerlichen Behandlung von Spenden Kultur, Sport und Wissenschaft als die einzigen staatlich unterstützten Spendenbereiche.

Im Kern der Betätigung der Mega-Sponsoren stehen jedoch Probleme, die vom freien Markt nicht bedient werden – sei es, weil wirtschaftliche Anreize fehlen, wie bei der Bekämpfung von Malaria und Aids in Afrika, oder bei Projekten für bessere Schulen, oder weil mögliche finanzielle Anreize zu weit in der Zukunft liegen um Konzerne jetzt zu riesigen risikoreichen Investitionen zu bewegen. Dazu zählt vor allem das Thema der globalen Klimaerwärmung, sowie der Armutsbekämpfung.

Nobelpreis für Mikrokredite: Muhammad Yunus / F: Hanser Verlag
Nobelpreis für Mikrokredite: Muhammad Yunus / F: Hanser Verlag

Gutes tun, Geld verdienen

Insbesondere die vom pakistanischen Banker Muhammad Yunus durch seinen Friedensnobelpreis bekannt gewordene Strategie der Mikrokredite findet das Interesse vieler „Philanthrokapitalisten“. Wahrscheinlich ist es das an sich kapitalistische Prinzip, das hier einen erfolgsversprechenden Weg zur Armutsbekämpfung zeigt, das viele anspricht, die selbst im Kapitalismus ihr Geld gemacht haben. Mikrokredite gewähren sonst nicht kreditwürdigen Armen kleine Summen Kapitals, damit sie sich beruflich betätigen können – oft ist es eine Nähmaschine oder ein Handy, mit denen sich durch Dienstleistungen Geld verdienen lässt. Dies sind keine Spenden, sondern verzinste Darlehen, oft mit dem Risiko angemessenen hohen Zinsen von 15 Prozent oder mehr. Und als Bürgen der meist an Frauen vergebenen Mikrokredite fungiert der Kreis der Freundinnen, was als wesentlicher Faktor für den Erfolg dieses Modells gilt.

Zu den Reichen, die sich für Mikrokredite engagieren, gehören e-Bay-Gründer Pierre Omidyar, der über sein Omidyar Network eine e-Bay-artige Plattform für wohltätiges Engagement schaffen will, sowie John Doerr, legendärer Risikokapitalgeber des Silicon Valley, der unter anderem wesentlich am Erfolg von Konzernen wie Compaq, Amazon und Google beteiligt war. Omidyar und Doerr sind dabei mit ihrem Mentor Yunus in einen freundschaftlichen Streit verwickelt: Denn während Yunus davon überzeugt ist, dass Mikrokredite auf gemeinnütziger Basis organisiert werden sollen und aller Gewinn aus den Rückzahlungen in eine Erweiterung investiert werden soll, glauben Omidyar und Doerr, dass gewinnorientierte Mikrokredite ein wesentlich höheres Potenzial haben, weltweite Armut nachhaltig zu beseitigen.

Ihre Rechnung sieht etwa so aus: Etwa eine Milliarde Menschen bilden die ärmste Schicht des Planeten, und es ist etwa ein Drittel davon, das als Versorger für diese Milliarde aufkommt. Um diese geschätzten 300 Millionen Menschen mit Hilfe von Mikrokrediten aus der Armut zu heben, wäre ein Kapital von rund 60 Milliarden Dollar nötig. Dann würde man Armut nicht nur im kleinen Maßstab und vorübergehend, sondern dauerhaft bekämpfen, argumentieren Omidyar und Doerr. Diese Summe könne jedoch über gemeinnützige Stiftungen keinesfalls finanziert werden, sagen sie. Und selbst die reichste der reichen Stiftungen gibt ihrem Argument recht: So wird zwar die Gates-Foundation 2009 trotz Finanzkrise eine halbe Milliarde mehr ausgeben, 3,8 Milliarden Dollar. Aber von einer Mikrokredit-Kalkulation á la Omidyar-Doerr ist dies weit entfernt.

Tatsächlich haben sich seit Anfang der 90er Jahre, dem Beispiel der bolivianischen BancoSol folgend, eine Reihe lateinamerikanischer Mikrokredit-Organisation von gemeinnützigen zu gewinnorientierten Unternehmungen gewandelt, um an Finanzierungsmöglichkeiten der Märkte heranzukommen. Dabei sind sie jedoch ihrem Auftrag treu geblieben, Mikrokredite an sonst nicht kreditwürdige Arme zu vergeben, meist Frauen.

Insbesondere die jüngste Generation der Superreichen, die ihr beträchtliches Vermögen innerhalb weniger Jahre durch eine unglaubliche Bewertung ihrer Firmen auf dem Aktienmarkt machten, scheinen wenig Berührungsängste zwischen möglicher Gewinnorientierung und wohltätiger Betätigung haben. Als Beleg dafür gilt das von den Google-Gründern Brin und Page gerufene Google.org, der „wohltätige Arm“ von Google, die schon im Börsenprospekt ausgewiesen wurde. Ein Prozent der Aktien von Google und ein Prozent des Gewinns fließen in Google.org, das sich derzeit mit einigen hundert Millionen Dollar im Jahr vor allem Projekten gegen die globale Klimaerwärmung widmet.

Auf den Status der steuerlich begünstigten Gemeinnützigkeit hat Google.org verzichtet. Man wolle sich auch an Firmen beteiligen können, die die Aufgaben von Google.org weiter bringen, allfällige Gewinne fließen den Aufgaben von Google.org zu, begründeten Brin und Page diesen Schritt. Sie selbst haben bisher nur vage erklärt, dass sie eines Tages den Großteil ihrer Milliarden gleichfalls philanthropisch investieren wollen.

Knausrige Ösi-Milliardäre

Zu Österreichs und Deutschlands Reichen ist der „Nudge“, der Stupser der guten Milliardären, in einem ihrem großen Vermögen entsprechenden Umfang wohltätig zu sein, bisher offenbar nicht durchgedrungen. Soweit ihre Spenden überhaupt bekannt werden sind es gemessen am Reichtum bestenfalls zaghafte wohltätige Gehversuche. Dies ist charakteristisch für eine prä-philanthrokapitalistische Phase, in der Reiche aus Furcht vor „Schnorrern“ am liebsten nur da und dort und wenn möglich im verborgenen Geld geben. Als im Wahlkampf 2009 das Liberale Forum nach dem Bekanntwerden von Eurofighter-Provisionen an den damaligen Abgeordneten Alexander Zach in Verruf geriet, erklärte kurz darauf der Bauunternehmer und LIF-Patenonkel Hans-Peter Haselsteiner, den verschuldeten Verein der Flüchtlingshelferin Ute Bock mit 100.000 Euro zu entschulden und künftig mit 25.000 Euro monatlich zu unterstützen.

Mit 1,7 Milliarden Euro steht Haselsteiner auf Platz 15 des trend-Rankings der reichsten Österreicher.  Finanzierung von Haselsteiner hat auch die Gründung der gemeinnützigen Privatstiftung „Institut für eine offene Gesellschaft“ der früheren LIF-Spitzenfrau Heide Schmidt ermöglicht. Ein anderes Beispiel für Ansätze systematischer Wohltätigkeit liefert Martin Essl aus der Unternehmer-Familie Essl (Unternehmensgruppe Schömer/BauMax), der 2007 den mit einer Million Euro dotierten Essl Social Prize gründete, der an sozial innovative Projekte gehen soll. Die Familie Essl betätigt sich auch seit langem als tradionelle Kunstmäzene und haben das Essl-Museum in Klosterneuburg finanziert.

Das Ranking der reichsten Österreicher ist im Vergleich zur Forbes-Liste, an der es sich anlehnt, etwas großzügiger: Es fasst den Besitz von Familien zusammen; damit bringt es Österreich immerhin auf 25 Euro-Milliardäre (auf Dollar-Basis würde dabei noch einmal rund ein halbes Dutzend dazu kommen). Der Spitzenreiter, die Familien Piech und Porsche, brauchen sich mit 30,5 Milliarden Euro auch nach internationalen Maßstäben nicht verstecken – für systematische, groß angelegte Tätigkeit als Wohltäter ist das Haus hingegen nicht bekannt. Ebenso wenig wie die Flicks, Dietrich Mateschitz, Karl Wlaschek, die Liechtensteins oder Heidi Horten, mit mindestens drei Milliarden Vermögen allesamt unter den Top-Ten der heimischen Reichstenliste.

„Österreich und Deutschland haben anders als die USA keine philanthropische Tradition“, sucht Michael Meyer, Leiter des Non-Profit-Instituts der Wirtschaftsuniversität Wien, nach einer Erklärung.  „Wahrscheinlich weil die Reichen bei uns das Gefühl haben, dass sie ohnedies mit ihren Steuern bereits genug beitragen“. Allerdings haben wahrscheinlich die Reichen in aller Welt das Gefühl, zu viel Steuern zu zahlen und ihre Verantwortung für die Gesellschaft schon allein durch die Arbeitsplätze ihrer Unternehmen wahrzunehmen.

Zahlen belegen diese fehlende Tradition: Während in den USA 1,67 Prozent des des Bruttonationalprodukts gespendet wird, sind es in Großbritanniens – dem europäischen Land mit der größten Tradition in diesem Bereich – nur noch 0,73 Prozent, in Deutschland 0,22 Prozent, in Frankreich gar nur mehr 0,14 Prozent (nach einer Studie der Charities Aids Foundation). Natürlich sind Spenden von großen Stiftungen, wie der Gates Foundation, nur ein Teil dieses Aufkommens, aber auch dabei zeigt sich der Unterschied der Länder: Während in den USA zwölf Prozent aller gemeinnützigen Aufwendungen von Stiftungen kommen, sind es in Deutschland nur drei Prozent (Erhebung der John Hopkins University; für Österreich fehlen genaue Daten, sie dürften aber ebenso wie bei den Gesamtsummen eher in der Größenordnung von Deutschland als den USA liegen).

Bis zur Regierung Bush gab die US-Steuergesetzgebung einen zusätzlichen Anreiz, großes Vermögen steuerbegünstigt wohltätigen Zwecken zuzuführen: Denn die „Death Tax“ genannte Erbschaftssteuer kassierte 25 Prozent. Paradoxerweise traten viele Reiche wie Buffett, Gates oder der Investor George Soros, dessen Open Society Institute namhaften Anteil an der demokratischen Entwicklung Osteuropas hat, gegen eine Abschaffung der „Death Tax“ ein: Denn erst diese gab vielen Reichen den entscheidenden „Nudge“, den Großteil ihres Erbes gemeinnützigen Zwecken zuzuführen.

Hingegen hat die heimische Gesetzgebung offenbar alles getan, wohltätige Anreize gar nicht erst aufkommen zu lassen. Erbschafts- und Schenkungssteuer, ohnehin im internationalen Vergleich sehr gering, wurden ganz abgeschafft; die steuerliche Begünstigung der Privatstiftung ist an keinerlei gute Taten geknüpft. (Es gibt weiterhin die älteren, gemeinnützigen Stiftungen und Fonds öffentlichen Rechts, die wenig genutzt werden.). „Nur zehn Prozent der Privatstiftungen haben die Möglichkeit wohltätiger Zuwendungen in ihren Satzungen erwähnt“, hat Michael Meyer im Zuge einer Studie erhoben, was langfristige Auswirkungen hat: Denn 95 Prozent des Vermögens von Familienunternehmen ist bereits in Privatstiftungen geparkt – was bedeutet, dass auch dem potenziell gemeinnützigen Finanzmarkt mangels entsprechender Vorkehrungen Geld entzogen wird.

Die guten Milliardäre / Illustration Datum/Tom Linker
Die guten Milliardäre / Illustration Datum/Tom Linker

Steuern schaffen Reichtum nicht ab

Aber egal wie hoch Spitzensteuersätze sind um staatliche Wohlfahrt (mit) zu finanzieren: Reichtum wird damit nicht abgeschafft, wie man am Beispiel des schwedischen Ikea-Gründers Ingvar Kamprad sieht. In der kapitalistischen Welt ist Schweden der Staat mit dem höchsten Spitzensteuersatz – dennoch hat Kamprad in der von ihm gegründeten und kontrollierten, niederländischen Stichting INGKA ein Vermögen von rund 36 Milliarden Dollar gebunkert (Economist-Schätzung 2006). 2004 konnte Kamprad sogar Gates kurzzeitig als Reichsten der Welt entthronen. Gemeinnützigkeit ist für die Stiftung nur ein Feigenblatt, die herausfordernde Aufgabe: „Innovation im Bereich der Architektur und des Interior Design“ – Mit anderen Worten: Wohnst du noch, oder lebst du schon?

Auch in Deutschland sind wohltätige Superreiche eine rare Spezies. Die meisten großen gemeinnützigen Stiftungen wie Bertelsmann oder Bosch stammen aus einer früheren Gründerzeit. Zu den zeitgenössischen Ausnahmen zählt das Gründertrio des größten europäischen Softwarekonzerns SAP, Hasso Plattner, Klaus Tschira und Dietmar Hopp, die alle substanzielle Summen Geldes in die von ihnen gegründeten Stiftungen einbrachten. Die Tschira-Stiftung widmet sich in erster Linie der Förderung der Naturwissenschaften. Hasso Plattner, inspiriert von befreundeten Silicon-Valley-Tech-Reichen, steckte 230 Millionen Euro in die Gründung des Hasso Plattner Instituts der Universität Potsdam, das IT-Entwickler ausbildet. Die Dietmar-Hopp-Stiftung, mit SAP-Aktien im Wert von vier Milliarden ausgestattet, unterstützt Wissenschaft, Sport und soziale Aufgaben.

Deutschland steht traditionell solchen privaten Initiativen misstrauisch gegenüber: Die Gewerkschaften klagen, dass mit solchen Gründungen der Staat seine Aufgaben nicht mehr erfüllen müsse; und Studenten bewarfen vor einigen Jahren den Immobilien-Tycoon Helmut Greve in Hamburg mit Eiern – für das Vergehen, 35 Millionen Euro für die Errichtung zweier Universitätsgebäude gespendet zu haben.

„Die Reichen werden immer da sein“

Es ist unvermeidlich, dass wohltätige Milliardäre nicht nur auf Dankbarkeit, sondern auch auf massives Misstrauen und Ablehnung stoßen werden. Auch wenn ihr Vermögen auf rechtlich einwandfreie Weise entstand, es ist schwer zu rechtfertigen, warum eine Hand voll Individuen kraft ihrer Milliarden so viel Einfluss nehmen dürfen. Wahrscheinlich ist das bei Konzernen noch leichter zu akzeptieren als im Bereich gemeinnütziger, oft sozialer Organisationen, in denen sich viele Freiwillige betätigen und hoffen, mit ihrem Engagement und ihrer Spende zu einer besseren Welt beizutragen.

„Vergessen Sie nicht: 75 Prozent des gesamten Gelds von Non-Profit-Vereinen kommt von der Mittelschicht“, sagt Susan Hutchison, die als Geschäftsführerin der Charles Simonyi Foundation for Arts and Sciences in Seattle die wohltätigen Interessen eines Milliardärs vertritt. In Österreich sponserte der aus Ungarn gebürtige Simonyi, der als einer der sechs ursprünglich Microsoft-Entwickler zu Reichtum kam, Aufführungen des ungarischen Komponisten Bela Bartok bei den Salzburger Festspielen, privat bereitet er sich gerade auf seinen zweiten Flug zur internationalen Raumstation vor.

„Nur zwölf Prozent aller Spenden kommen von Leuten wie den Gateses, aber sie erhalten dafür die ganze mediale Aufmerksamkeit“, sieht die frühere TV-Moderatorin Hutchison die Rolle von Foundations nicht durch die rosarote Brille – auch weil sie sich privat als Freiwillige und Spenderin in gemeinnützigen Organisationen betätigt. „Aber die Reichen werden immer unter uns sein“, sagt sie in Abwandlung des Bibelwortes, wonach es immer Arme geben wird.

„Die Reichen werden immer unter uns sein“: Letztlich liegt darin der ganze Pragmatismus des Umgangs mit den „Philanthrokapitalisten“. Auch rigide Steuersysteme werden den Superreichtum nicht verhindern, siehe Kamprad. Letztlich können sie nur freiwillig, durch „Nudges“ der ständig geldsuchenden Non-Profit-Organisationen, der Medien, des Steuergesetzgebers und dem Wohltätigkeitswettbewerb unter den Superreichen in die Pflicht genommen werden.

Die Zweifel werden nicht verstummen, und sei es nur die (leicht widerlegbare) Annahme, dass Aktionen wie die der Gates Foundation letztlich nur dem Profit von Microsoft und anderer Unternehmen dienen soll. Mit Zweifeln und Angriffen haben wirklich Reiche längst gelernt zu leben. Aber ob auch ihr auf große Vermögen gestütztes direktes Engagement bei den wichtigen gesellschaftlichen Fragen legitim ist, können sie letztlich nur in den nächsten Jahren und Jahrzehnten durch die Ergebnisse ihrer sozialen Investitionen beweisen.

Titelfoto dieses Beitrags:  Kjetil Ree
Erschien ursprünglich in Datum 5/2009. Das Buch „Reich & gut: Wie Bill Gates & Co. die Welt retten“ von Helmut Spudich über Strategien wohlmeinender Milliardäre und Sozialunternehmer erschien bei Ueberreuter.

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