Besser falsch als langweilig

Eine solche mediale Revolution haben Sie noch nicht gesehen. Sie wird zum Ende der Papierzeitung führen. — Ein Beitrag über die Zukunft des Journalismus nach dem Ende des Zeitungsdrucks, zum 310. Geburtstag der ältesten Zeitung der Welt geschrieben, der Wiener Zeitung.

Happy Birthday, es ist ja vielleicht das letzte Mal, dass sich ein Geburtstagskind mit einer Beilage auf den Resten toter Bäume feiert. Deswegen muss die Wiener Zeitung ja noch nicht untergehen.

Es soll noch Zeitschriften geben, die von ihren Leser_innen fein säuberlich geschlichtet und nach Jahrgängen geordnet aufgehoben werden. „National Geographic“ mit seinem charakteristischen gelben Rahmen gehört dazu, vor allem in den USA, wo man leere Garagen zur Lagerung zur Verfügung hat, wenn nicht gerade der Platz für ein digitales Startup dringender gebraucht wird. Ganze Generationen verknüpfen dort ihre persönliche Biografie mit den Erinnerungen an einprägsame Titelseiten dieses 125-jährigen Traditionsblattes der geografischen Gesellschaft.

Im digitalen Zeitalter zählt das eher zu den Wunderlichkeiten analoger Generationen. Bei mir zuhause liegen noch ein paar Jahrtausendwendeexemplare heimischer Zeitungen und Magazine herum, die mit Ausbleiben der Y2K-Katastrophe schon kurz nach ihrem Erscheinen mehr Altpapier als erhaltenswerte Fundstücke einer Zeitenwende waren. Für diejenigen, die nicht dabei waren: Der Y2K-Bug war der digitale Vorläufer des Ende des  Maya-Kalenders. Schlag Null Uhr sollten im neuen Jahrtausend Flugzeuge vom Himmel stürzen, Aufzüge stecken bleiben, Herzschrittmacher den Dienst versagen, Atomraketen zur letzten Schlacht starten, weil ihre kommandogebenden Computer nicht mehr wussten, welches Jahrhundert wir schreiben.

Was die Untergangspropheten versäumten zu erwähnen

Abgesehen von ein paar entgleisten elektronischen Bahnhofsanzeigen, die von Uralt-Commodores gesteuert wurden, endete der Y2K-Bug wie der Maya-Kalender: eine matte Angelegenheit. Die apokalyptischen Reiter, die hingegen kein Untergangsprophet je vorausgesehen hatte, sind indes in zwangloser Reihenfolge ihres Erscheinens: Wikipedia, YouTube, Facebook, Twitter, Open Data, iPhone und iPad sowie Google Glass. Ein Szenario, vor dem jedem Sammler von „National Geographic“ ebenso wie den Wochenend-Extras der 310-jährigen Wiener Zeitung graut. Wer jetzt darauf verweist, dass sich auch Langspielplatten aus Vinyl großer Beliebtheit erfreuen, dem empfehle ich, dem Herausgeber des Brockhaus-Lexikons einen Brief zu schreiben, nach dem Erscheinungsdatum der nächsten Auflage zu fragen und ob denn Vorbestellungen schon möglich sind.

Der Anfang vom Ende des analogen Medienzeitalters: Von diesem Stück haben wir erst den ersten Aufzug gesehen. Kurz nachdem sich der Vorhang hob hat jemand die Prophezeiung vom papierlosen Büro so laut und oft hinaus posaunt, dass nur der Witz davon über blieb. Aber Achtung, die papierlose Ära hat sich durch die Hintertür längst ins Medienhaus herein geschlichen und breit gemacht, während sich vorn im Salon noch Zeitungen und Bücher auf toten Bäumen in der Sicherheit eines trauten Heims wähnen.

Papier ist nur noch in der Rolle des temporären Bildschirms von Bedeutung, auf dem Layouter ihre Skizzen machen, auf dem in Konferenzen Themenlisten gekritzelt werden, und auf dem manche noch morgens die Zeitung von gestern konsumieren ehe sie durchgeblättert zum Altpapier wandert. Aber Papier als Speicher von Wissen, Weisheit, Fantasie und Irrtümern, in Bibliotheken für die Ewigkeit aufbewahrt: Das ist vorbei. Papier ist künftig der Inhalt, der am iPad wieder zu Leben erwacht, auf biegsamen, faltbaren, blätterbaren, projezierbare Displays wieder sichtbar wird. Flächen aller Art werden zu Papier, selbst Beton, in dem LEDs eingelassen sind, so wie Google Glass als Vorläufer der Kontaktlinse als Display. Besser noch: Was derzeit als Netzhaut-Chip blinden Menschen helfen kann, einfache Seheindrücke zu vermitteln, ist in längsten zwei Jahrzehnten so weit eine hochauflösende augmentierte Realität zu liefern.

Komplettausstattung für Revolutionäre, ab Null Euro

Vorbei ist auch die Allmachtsstellung der Besitzer und Verfügungsberechtigten von Druckmaschinen, Redaktionen und Sendeanstalten. Das iPhone und seine vielfachen Reinkarnationen in der Tasche machen uns alle zu rasenden Reportern des Wutbürgertums. Da haben wir: Schreibmaschine, Aufnahmegerät, Foto- und Videokamera, Dunkelkammer, Schnittplatz, Redaktionssystem, Druckmaschine, Hauszustellung, Satellitenübertragungswagen, Sendernetz — das alles ab Null Euro bei einem Betreiber ihrer Wahl.

Ökonomen nennen dies disruptive Technologien, weil sie alte Monopole durcheinander bringen. Wenn die mittelbaren Folgen von Gutenberg (der mit dem Buchdruck, nicht der mit dem Plagiat) das Ende des päpstlichen Monopols, eine Kirchenspaltung und der 30-Jährige Krieg waren; wenn die Folgen von Flugschriften und Zeitungen die amerikanische und die französische Revolution und das (vorübergehende) Ende der Könige waren; wenn eine Folge der Erfindung der Tonbandkassette der Sturz des Schah und das Diktat der Ayatollahs war: Dann war der arabische Frühling erst das Mailüfterl, mit dem sich der mediale  und gesellschaftliche Umbruch ankündigte.

Vielleicht hebt ja wer die Zeitung auf, in der solcher Aberwitz in Aussicht gestellt wurde. Mein Glück, dass sie zum 350. Jubiläum allenfalls in der Nationalbibliothek zusammen mit anderen Irrtümern verschimmelt. Mein Pech, dass auch die Wiener Zeitung längst in der digitalen Ära angekommen ist. Wenn bis dahin nicht EU-Kommissarin Viviane Reding endlich das Recht auf Vergessen im Internet durchgesetzt hat bin ich vielleicht restlos blamiert. Dazu übergebe ich das Wort an Kollegen Felix Salmon von Reuters: „If you are never wrong, you are never interesting.“

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