Sisyphus

Die. Zukunft der Arbeit? Weniger Arbeit.

Neulich hat Neuseeland weltweit auf sich aufmerksam gemacht, und das gleich aus mehreren Gründen. Vor wenigen Tagen erklärte das Land als erstes der Welt, dass es frei von Covid-19-Erkrankungen sei. Ein paar Wochen davor sorgte Premierministerin Jacinda Ardern weltweit für Schlagzeilen, als sie eine Vier-Tage-Woche als möglichen Weg aus der Misere hoher Arbeitslosigkeit in Aussicht stellte. Dazwischen machte noch ein Videoclip die Runde auf Social Media, in dem Ardern während eines Interviews ein Erdbeben der Stärke 5,8 mit der Bemerkung wegsteckte, „wir wackelt hier ganz anständig“.

Bemerkenswert ist das Argument, mit dem die sozialdemokratische Regierungschefin für die Vier-Tage-Woche warb. Es könnte direkt aus dem Playbook des Erzkapitalisten Henry Ford stammen und der Tourismusministerin Elisabeth Köstinger fürs Stammbuch dienen: Weil die neuseeländische Tourismuswirtschaft am Boden liege, könnten dank eines dreitägigen Wochenendes die Neuseeländer die Schönheiten ihrer Inselwelt mit fast 30 Millionen Schafen besser erkunden und so den Tourismus wieder ankurbeln.

Das kapitalistische Modell: Weniger arbeiten, genug verdienen, mehr konsumieren.

Vor rund 100 Jahren hatte Henry Ford zu einer ähnlichen Lösung gegriffen, um sein erstes in Massenproduktion produziertes Automobil auch an eine Masse von Menschen zu bringen, die sich bis dahin weder ein Auto leisten konnten noch die Freizeit hatten, es zu genießen. Ford verkürzte die Arbeitszeit auf die heutige Fünf-Tage-Woche und zahlte seinen Fabrikarbeitern ausreichende Löhne, damit sie sich das durch Fließbandtechnologie billiger gewordene Auto leisten konnten. Dank des freien „Weekends“ (eine Begriffsschöpfung jener Zeit) konnten sie ihr neues Statussymbol auch ausführen. 

Das neuseeländische Win-win-win: Die Zahl der Arbeitslosen verringert sich durch die Verkürzung der Arbeitszeit und Neuverteilung von Arbeit, die Tourismusindustrie kommt wieder in Gang und beschäftigt dadurch wieder mehr Menschen, die sich wiederum mehr Konsum leisten können — der Wohlstandsmotor unserer industrialisierten Gesellschaften.

Klingt fast nach einer österreichischen Lösung. Nur dass hierzulande die (allermeisten) Vertreter von Industrie und Wirtschaft eine kürzere Normarbeitszeit so fürchten wie die ÖVP die Gesamtschule, die Neos kürzere Arbeitszeit vor allem im Tourismus nicht gut heißen können, die Grünen in einer Ankurbelung von Konsum und Reisen ein Umweltproblem sehen, und die Sozialdemokraten ihr ureigenstes Thema rund um den Tag der Arbeit vergeigten. Zu diesem produzierten einige Nachwuchshoffnungen der SPÖ ein Video mit der 6-8-10-Formel, die etwas komplizierter dieselbe Idee wie die Vier-Tage-Woche verfolgt: „Sechs Stunden Arbeit für alle, acht Stunden sorgenloser Schlaf, 10 Stunden Freizeit“. Die Absenz der SP-Parteichefin im Video heizte jedoch prompt Spekulationen um eine neuerliche Parteikontroverse an, Burgenlands Landeshauptmann war gleich dagegen, und eine verspätete Zustimmung von Rendi-Wagner zur Arbeitszeitverkürzung versandete im Coronarummel.

Die Arbeit, die für den Verlust von. Arbeit erfunden wurde, ist weggebrochen.

Dabei ist die Frage der sinnvollen Verteilung von Arbeit brisanter als selbst im Gefolge der Finanzkrise vor 12 Jahren. 517.000 Menschen ohne Arbeit, 1,3 Millionen Menschen in Kurzarbeit Ende Mai: Die Bewältigung dieser Aufgabe wird das zentrale Thema der nächsten Jahre sein, das über den politischen Erfolg bestimmen wird. Covid-19 hat den Selbstbetrug offengelegt, dem wir in der Frage der Normarbeitszeit seit vielen Jahren aufsitzen: Dass Industrialisierung und Digitalisierung unserer Wirtschaft keine Arbeit „vernichtet“ hätte. Mantrahaft beschwört eine bemerkenswerte Koalition aus Arbeitgebern, Gewerkschaftern, Ökonomen und Politikern seit Jahren die Formel, dass die Produktivitätssteigerungen nicht Arbeit abschaffen, sondern viel neue Jobs schaffen würde.

Dieser Mythos ist jetzt zerplatzt: Denn während wir eine fast schon bewundernswerte Resilienz unserer essentiellen Versorgung und der materiellen Basis unseres Wohlstands erleben ist ein Großteil der Bereiche zusammengebrochen, die sich Arbeit als Folge des Verlusts von Arbeit geschaffen hat: Die Gastronomie, die in den vergangenen Jahrzehnten unverdrossen weitere Lokal aufsperrte, während produzierende Betriebe zusperrten, der Tourismus, auf dem besten Weg zu „Overtourism“, der gesamte Kulturbetrieb, die Heerschar an „Ein-Personen-Unternehmen“ von Yogatrainern, Coaches und Lebensberater, Entertainer, Filmschaffende, Musiker, Kabarettisten und andere. 

Um nicht falsch verstanden zu werden: All diese Arbeitsbereiche geben den Menschen, die darin tätig sind, wie ihren Kundinnen und Konsumenten Sinn, Freude und Lebensqualität. Für unsere Grundversorgung, nicht einmal für weit verbreiteten Wohlstand, sind sie jedoch nicht notwendig, wie die Krise zeigte. Paradoxerweise war plötzlich dort Arbeitskräftemangel, wo dieser bisher nicht gesehen wurde: Bei ungeschulten Arbeitskräften in der Logistik, der Zustellung, bei Supermärkten, bei der Ernte.

Diese meist nur angelernten und schlecht bezahlten Jobs gelten stets als potenzieller Kollateralschaden der nächsten Automatisierungswelle — und sie werden weiterhin gefährdet bleiben. In englischen Milton Keynes, einer „modernen“ Gründung der 50-er Jahre mit völlig geometrisch angelegter Siedlungsstruktur, kamen erstmals für eine ganze Stadt Zustellroboter zum Einsatz. Auch wenn dies von Pannen begleitet war: Es sind eher die nächsten zehn als die nächsten 30 Jahre, die uns in vielen Bereichen autonom und menschenfrei gesteuerte Fahrzeuge bringen werden. In Verteilzentren wird dann keine Infektionsgefahr mehr bestehen, da Roboter den Großteil der Arbeit verrichten.

Die gute Nachricht? Weniger Arbeit. Wir wissen nur nicht, wie wir mit unserem Glück umgehen sollen.

Darum sprechen Sie mir nach: Die Zukunft der Arbeit ist weniger Arbeit. Das ist eine gute Nachricht, denn die Menschheitsgeschichte, ihre Legenden und viel Leid drehen sich darum, wie der Mensch von der Versklavung der Arbeit befreit werden kann. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Verwirklichung der Erfindung des griechischen Schmiedegotts Hephaistos — der Roboter — unsere Gesellschaft in die Krise stürzt. 

So gut wie alle vergangenen Industrialisierungsschritte wurden mit einer Verkürzung der Normarbeitszeit und neuer Verteilung von Arbeit (und damit verbunden Einkommen) halbwegs vernünftig gelöst. Auch jetzt werden wir dieses Mittel brauchen, zusammen mit materiellen Sicherungsmaßnahmen, ob sie nun Arbeitslosengeld, Kurzarbeit oder Grundeinkommen heißen. Fantasie ist erlaubt: Rund um die Definition einer Normarbeitszeit können viele Versionen ausgehandelt werden. Wie bei Henry Ford ist dies nicht nur im Interesse der Arbeiter, sondern auch der Unternehmen — ihre Profite beruhen darauf, dass sie vom Gewinn genug abgeben. Auch neue Betätigungsfelder werden entstehen, aber eines wird nicht passieren: Die an Maschinen verlorene Arbeitszeit wird niemals zurückkehren. 

Dieser Essay erschien zuerst in Der Standard.

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