Von St. Wolfgang nach San Francisco: Was Tourismus und Google in Corona-Zeiten verbindet

Von St. Wolfgang nach St. Francisco, vom Hotel zu Googles Home Office

Der Tourismusort St. Wolfgang ist buchstäblich über Nacht zum Covid-Hotspot Österreichs geworden. Angeblich haben „Praktikanten“ (Merke: Schuld ist immer der ausländische Arbeiter oder der unbedarfte Praktikant — nie der jeweilige Betrieb) von ihren nächtlichen Ausgängen das Coronavirus mitgebracht. Schwuppdiwupp wurden daraus 57 Infizierte (Stand Montagnachmittag 27. Juli 2020, 323 Testergebnisse noch offen), und etliche Touristen werden in Erinnerung an Ischgl schnell abgereist sein um einer möglichen Quarantäne zu entkommen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie die Infektion in ihre Heimatorte tragen.

Inzwischen in San Francisco: Google wird seine rund 200.000 Mitarbeiter bis Juli 2021 im Home Office belassen, um deren Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken und an  Covid-19 zu erkranken, zu minimieren. Die meisten US-Techunternehmen wollten bisher ab Jänner 2021 ihre Mitarbeiter wieder in die Legebatterien für Eggheads einrücken lassen. Alphabet-CEO Sundar Pichai, Konzernmutter von Google, ist der  erste Tech-CEO, der sich für einen so langen Zeithorizont entschied. Und wir können davon ausgehen, dass Home Office auch danach wesentlicher Bestandteil der Arbeitskultur bei Google bleiben wird. Mit Sicherheit wird das Beispiel Schule machen und Druck auf andere Technologieunternehmen ausüben.

Was verbindet St. Wolfgang und St. Francisco? St. Wolfgang ist die dramatische Erinnerung daran, dass auch in Österreich und in Europa die Pandemie zwar verlangsamt wurde, jedoch keineswegs „überstanden“ ist. Wo Menschen in Verdichtung aufeinandertreffen — in lustiger Gesellschaft in Bars und Hotels, in Großraumbüros und Meeting-Räumen, auf Flügen — steigt das Risiko, dass eine einzelne infizierte Person Sars-Cov-2 auf viele andere überträgt. Auf Drängen von über 200 Wissenschafter wird im Rahmen der WHO derzeit mit Hochdruck untersucht,  ob das Coronavirus zu der Gruppe sogenannter „airborne“ Viren zählt, also über große Streck durch die Luft übertragen werden kann. Das wäre das Ende des lustigen kleinen Babyelefanten, in dessen falscher Sicherheitsgefühl des 1-Meter-Abstands wir uns wiegen — ganze Räume wäre dann jeweils das Spielfeld für Covid-19-Infektionen.

Aus besseren Tourismus-Zeiten: Alpenländischer Charme / F: spu
Aus besseren Tourismus-Zeiten: Alpenländischer Charme / F: spu

Im Tourismus haben viele Menschen selbst die nötigen die Sorgfaltskonsequenzen gezogen: Der Rückgang der Nächtigungen von 60 Prozent im Juli trotz offener Grenzen zu denn Hauptherkunftsländern zeigt, dass auch ohne Vorschriften einschneidende Verhaltensänderungen erfolgen. In Wien (wie wohl auch in anderen Metropolen Europas) liegt der Rückgang bei über 80 Prozent. Und jedes St. Wolfgang wird dieses freiwillige Vorsichtsverhalten vertiefen. Den zahlreichen Hotel-Bauprojekten in Wien empfehle ich, eine Umwidmung in größere Wohnungen zu prüfen — danach wird auf absehbare Zeit mehr Nachfrage bestehen als nach Hotelzimmer, Restaurants und Bars.


In den Büros hingegen muss die Vorsicht vom Vorstand ausgehen: Private Verhaltensänderung ist hier nur bedingt möglich. Hier setzt Google einen Maßstab, an dem sich auch Konzerne in Europa (mit einer derzeit besseren Situation als in den USA) orientieren werden (müssen). Zum einen natürlich, weil durch die multinationale Struktur dieser Konzerne auch deren Büros an vielen EU-Standorten betroffen sind. Zum anderen, weil insbesondere Google, gefolgt von zahlreichen anderen Konzernen, ein Trendsetter für „das neue Arbeiten“ war und ist.

Dieser Trend heißt jetzt: Mehr Home Office, nicht nur „bis es vorbei ist“, sondern einfach mehr Home Office, Punkt. Diese Transformation ist mit der Corona-Pandemie jetzt angestoßen und wird die nächsten Jahre, vielleicht Jahrzehnte bestimmen. So, wie die Erfindung der Fabrik, der Fließbandarbeit, des Kontors, des großen Amts, des Büros und des Großraumbüros jeweils für lange Zeiträume unsere Lebensweise prägten, wird jetzt Home Office in Form eines Büro-Home-Hybrids in den nächsten Jahren alles umkrempeln, was moderne Organisationen in den letzten Jahrzehnten hervorbrachten.

Leerer Google-Empfang in Zürich: Bis Juli 2021 ist Home Office verordnet
Leerer Google-Empfang in Zürich: Bis Juli 2021 ist Home Office verordnet / F: Google

Nicht nur in der räumlichen Form unserer Arbeitswelten, sondern in der Art, wie wir zusammen arbeiten, wie Hierarchien beschaffen sind, wie Mitarbeiter rekrutiert werden, wie Fortbildung und Teambuilding statt findet — auch wie After Work und so genannte „Off Sites“ möglich sind, um soziale Bindungen zu stärken. Sehr wahrscheinlich, dass unsere Arbeitswelt in nicht allzweiter Zukunft nicht mehr den zentralen Stellenwert besitzt, den ihr die White-Collar-Mittelschicht heute einräumt.

Und der  Tourismus, dessen Home Office Urlaub in Balkonien heißt? Trotz des derzeitigen dramatischen Einbruchs steckt der Tourismus noch zwischen den Phasen „Leugnung“ und „Zorn“ der fünfteiligen Kübler-Ross-Skala — weit weg von „Verhandeln“, „Depression und Leid“, bis hin zu „Annehmen“. Die nackte Wahrheit ist: Es wird auf Jahre viel weniger Tourismus geben, davon zeugt alleine schon der noch immer weitgehend leere Himmel über Europa und eine Autobahnfahrt quer durch Österreich an einem der klassischen Ferien-Wochenenden.

Bei Terroranschlägen gibt es in der Tourismusbranche einen Daumen-mal-Pi-Wert, der von drei bis fünf Jahren ausgeht, bis der Tourismus in eine betroffene Region, ein Land, eine Stadt zurückkehrt. Aber dies sind punktuelle Ereignisse, denen man bisher (scheinbar) durch Umbuchung und andere Ortswahl ausweichen konnte. St. Wolfgang und alle weiteren Cluster, die an Tourismusorten noch entstehen und in die Welt verstreut werden (fragen Sie die Isländer), werden uns daran erinnern, dass die Corona-Pandemie flächendeckend und unausweichlich ist — und dementsprechend unser Reise- und Urlaubsverhalten auf absehbare Zeit tiefgreifend ändern wird.

Auch hier sind die Konsequenzen vielfältig, nicht immer zum Nachteil eines überlasteten Planeten: Weniger neue Liftanlagen, wesentlich weniger Flüge, keine Kreuzfahrtschiffe (möglicherweise ein dauerhaftes Corona-Opfer — denn die riesigen schwimmenden Bettenburgen sind entsprechend ihrer Klientel eine einzige Hochrisikozone), weniger Kongresse und Messen, weniger von allem — natürlich und bedauerlicherweise auch wesentlich weniger Arbeitsplätze.

There will be blood: Der Sektor Tourismus wird enorm schrumpfen, ehe er wieder aufbauen kann. Während viele Konzerne die Ressourcen haben, aus eigener Kraft (unterstützt von Null-Zins-Kreditlinien) umzubauen und den Weg für ihre weitere Entwicklung zu finden, ist hier eine überwiegend kleinteilige Branche betroffen, mit Ausnahme großer Reiseveranstalter und Hotelketten meist Familienbetriebe mit schwachen Finanzmittel und wenig Möglichkeiten, in andere Domänen zu wechseln. Hier ist die staatliche Intervention besonders gefordert, beginnend von der Neuorientierung von Tourismusschulen bis hin zu Umschulungen für viele Menschen, die nur mehr wenig Hoffnung auf Arbeit in diesem Sektor haben.

St. Wolfgang und St. Francisco: Wie klein die Welt ist, und wie groß, und wie wir derzeit vielleicht zum ersten Mal seit langem wieder spüren, dass alles zusammengehört. Selbst wenn nur ein kleiner Virus auf einem chinesischen Markt von einem Tier auf einen Menschen überspringt.

Dieser Beitrag erschien in Der Standard.

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