5G von Huawei: Trojanisches Pferd Chinas?

5G, die letzte Mobilfunkgeneration?

Skurriles spielt sich um den Aufbau der jüngsten Mobilfunktechnik „5G“ ab, die fünfte Generation. Seit Jahren werden uns die Segnungen des Technologiesprungs in Form von ultraschnellem Internet für unsere Handys wie den Anschluss daheim versprochen, oder die Möglichkeit von der Kaffeemaschine bis zur Drohne alles über das Netz zu steuern. Dem Hype steht ein langsamer Start gegenüber, der bisher nur ein bisschen 5G an handverlesene Orte brachte.

In den nächsten Wochen soll eine Versteigerung weiterer Mobilfunkfrequenzen 5G endlich in die Gänge bringen, vor allem in ländliche Regionen, deren Versorgung mit schnellem Internet oft zu wünschen lässt. Dieser Umstand wurde gerade in den Wochen des Corona-bedingten Home Office bewusst und viel beklagt. Darum sehen die Vergabebedingungen vor, dass 2100 schlecht versorgte Gemeinden vom 5G-Glück bevorzugt werden.

Aber jetzt ist schon wieder etwas passiert: Justament in manchen unterversorgten Gemeinden regt sich Unbehagen an 5G, das angeblich Vögel tot vom Himmel fliegen lässt (wo keine 5G-Sender sind) und von dem laut einer Umfrage 35 Prozent der Österreicher nicht ausschließen wollen, dass es für die Corona-Pandemie verantwortlich ist. Gemeinden von Flattach im Mölltall bis Ebenau, von Asparn bis Gmunden üben sich im Widerstand gegen bessere Infrastruktur — angeblich im Interesse ihrer Bürgerinnen und Bürger, wie Bürgermeister versichern.

Als wäre die wachsende Liste an 5G-kritischen Gemeinden nicht genug, müssen sich die Mobilfunker mit der Weltpolitik plagen. Denn auch für die Regierung Trump ist 5G des Teufels, nämlich wenn es von der chinesischen Huawei stammt. Im Kampf gegen den führenden 5G-Anbieter entsandten die USA dieser Tage Außenminister Mike Pompeo nach Prag, Warschau, Ljubljana und Wien. Obwohl die meisten EU-Staaten wenig Anstalten zeigen, den US-Boykottwünschen nachzukommen, erschwert der Handelskrieg den 5G-Ausbau — schließlich will kein Betreiber hohe Millionenbeträge in Ausstattung investieren, die womöglich dem Sturm der Weltpolitik nicht standhält.

Aber auch wenn lokale Einwände gegen Ausbauprojekte und wirtschaftspolitisches Gerangel zum Geschäft von Infrastrukturunternehmen gehören: Ein gehöriges Maß der Troubles mit 5G hätten sich die Betreiber sparen können — indem es einfach kein „5G“ gegeben hätte. Denn erst mit dem Anschein einer ganz neuen Technik, angeblich mit neuen, unbekannten Gefahren verbunden, sorgen die Betreiber selbst für die Schlaglöcher in ihrer „Roadmap“.

Die pompöse, viele Jahre jeder Realität vorauseilende Inszenierung von „Generationen“ begann in den späten 90-ern mit 3G alias „UMTS“. Das zeitigte unerwünschte Nebenwirkungen, unter anderem exorbitant hohe Auktionskosten, da die Staaten abcashten, und erstmals nachhaltigen Widerstand von Mobilfunkgegnern. Die Stadt Salzburg blieb damals mehrere Jahre eine UMTS-freie Zone, da sie sich gegen die Aufrüstung wehrte.

Salzburg Altstadt und Festung
Finde den Mobilfunkmast: Salzburg, seinerzeit UMTS-freie Zone. / F: spu

3G stellte den endgültigen Wandel von analoger Sprachtelefonie zu datenbasiertem Mobilfunk dar. Aber die Generation war ein Spätstarter, die 3G-Netze standen jahrelang leer, bis das iPhone endlich die Datenexplosion zündete — 2007, sieben Jahre (!) nach der Einführung von 3G. Die Ironie der Geschichte: Das erste iPhone konnte nicht einmal 3G, es versandte Daten über den Vorgänger GSM. Indessen drängte die Marketingmaschine der Netzwerkhersteller und der Schneller-Höher-Weiter-Wettkampf der Betreiber bereits in die nächste Zukunft: zu LTE, der „vierten Generation“.

Verweile doch, du bist so schön: Dieser Gedanke ist der Industrie so fremd wie Faust. Dabei übersieht sie, dass sie mit jeder Ankündigung einer noch schöneren Zukunft massiv die Gegenwart entwertet, mit deren Gebühren sie noch immer die Schuldenberge der UMTS-Einführung abstottert. Es ist ein Teufelskreis: Von Netzwerkausrüstern in Gang gesetzt, die mit neuen „Generationen“ neue Hardware verkaufen, von technikverliebten Mobilfunkern zu ihrem eigenen finanziellen Nachteil kräftig angekurbelt. Dazu spielt jeweils eine ganze Beraterindustrie die Begleitmusik von Milliarden-Investitionen und Jobwundern.

Hoffnungen auf zusätzliche Erträge wurden jedoch bisher von jeder neuen Generation massiv enttäuscht. Der Datenverkehr bei 3G kam erst in Gang, nachdem das iPhone (anfangs) mit unlimitierten Mengen verkauft wurde. Und so wenig wie für LTE/4G-Verträge zusätzliches Geld zu lukrieren war, so wenig werden 5G-Verträge einen Aufschlag rechtfertigen: Der Trend geht zu „All-you-can-eat“-Tarifen. Denn Konsumenten und Kunden stellen rasch fest, dass mit der neuen Generation kaum neuer Spaß verbunden ist: Nichts, was 5G-Smartphones können, das nicht schon mit LTE möglich ist. Das gilt auch für das Internet der Dinge, die mobilfunk-basierte Vernetzung von Geräten, Maschinen, Gebäuden oder Fahrzeugen, die bereits mit LTE ausgezeichnet funktioniert.

Tatsächlich lassen sich Funknetze eher mit dem Wachstum von Städten über die Zeit vergleichen: Unterschiedliche Altersschichten mischen sich, ältere Strukturen sind weiter nützlich, während gleichzeitig neue Bauten und bessere Verbindungen entstehen. Neue „Generationen“ sind ein Bündel an Verbesserungen, die beim offiziellen Startschuss bei weitem nicht alle fertig sind — so war beim Start von LTE, der beschleunigten Datenübertragung, Sprachtelefonie nicht möglich. Dafür wurde und wird auf frühere Generationen zurückgegriffen.

Erst der künstlich erzeugte Hype um 5G, um eine „neue Generation“, bietet den Boden, auf dem Ängste, Verschwörungstheorien und Paranoia wachsen können. Quellen wie der russische Propagandasender Russia Today nähren diese Destabilisierung unserer Gesellschaften eifrig, während sich Wladimir Putin im eigenen Land als 5G-Vorreiter berühmt. China hat selbst wesentlich zum politischen Misstrauen gegen seine Technologie geleistet. 2015 erklärte es in seiner Strategie „Made in China 2025“ 5G zur Schlüsseltechnologie, um die technologische Weltherrschaft zu erringen — das digitale Äquivalent zur analogen Seidenstraße.

Der 5G-Salat ist inzwischen angerichtet und Betreiber wie Politik in Gemeinden, Ländern und Bund müssen mit den Widerständen zurechtkommen. Der Corona-Zwang zu Home Office, Home Schooling und Home Everything sollte eine starke Argumentationshilfe für den weiteren Ausbau von Breitband-Internet sein.

Von da weg hat es die Industrie in der Hand, ob sie aus der „5G-Apokalypse“ (Russia Today) lernt. In den Entwicklungslabors wird bereits an „6G“ gebastelt, zunehmend flüstert die Industrie darüber, was denn mit 5G noch nicht, mit der nächsten Generation dann sicher gehen wird. Die Alternative zum riskanten Generationenspiel: Die Neuerungen einfach laufend und ohne jahrelang vorauslaufenden Hype einführen.

Dieser Beitrag erschien in Die Presse (Paywall: Abo oder Probeabo erforderlich).

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