Führung durch Präsenz: Queen Elizabeth II. bleibt dabei ungeschlagen

Führung durch die Kunst der Präsenz

Über 300.000 Glückwunschkarten hat Queen Elizabeth II. im Laufe ihrer Regentschaft an 100-jährige „Untertanen“ geschickt, über 900.000-mal hat sie Paaren zu deren „diamantenen“ (60.) Ehejubiläum gratuliert. In einem Amt ohne formale Macht hat sie gezeigt: Präsenz ist alles. Führungskräfte können davon lernen.

Vom früheren, verstorbenen Wiener Bürgermeister hat man gelegentlich gewitzelt, dass er gerade wieder eine Leberkässemmel eröffnet hatte. Helmut Zilk war ein notorischer „Eröffner“, der jede Gelegenheit nutzte, um sich seinem Wahlvolk zu zeigen und die Seitenblicke-Spalten und TV-Sendungen zu füllen. In ihrer unübertroffen langen Amtszeit hat die Queen hunderttausende Bänder zur Eröffnung von Gemeindezentren, Schulen oder Spitälern durchgeschnitten, selbst kommunale Kläranlagen waren nicht unter ihrer Würde – von ihrer Präsenz bei Paraden, dem Ritterschlag für 387.000 „Sirs“ und „Dames“ und den Empfängen und „Garden Parties“ für aberhunderttausende prominente wie einfache Bürgerinnen und Bürger in Buckingham Palace gar nicht erst zu reden.

Mit ihrer täglichen persönlichen wie medialen Präsenz habe sie Marina Abramovic längst ihren Platz als größte Performance-Künstlerin der Welt streitig gemacht, schrieb zum 70-jährigen Thronjubiläum Londons „The Art Newspaper“. Die aus Serbien gebürtige Künstlerin Abramovic begründete ihren internationalen Ruf 2010 mit ihrer Performance „The Artist is Present“. 30 Tage lang saß sie acht Stunden täglich im Museum of Modern Art in New York City, während ein nicht abreißender Strom von Besuchern ihr gegenüber unterschiedlich lang Platz nahm (ein Dokumentarfilm zu dieser Performance wird bei der diesjährigen Viennale gezeigt, natürlich während die Künstlerin selbst präsent ist). „Was mich völlig überraschte war das enorme Bedürfnis der Menschen nach Kontakt“, resümierte Marina Abramovic ihre Erfahrung. 

Menschlicher Kontakt droht dem Home-Office zum Opfer zu fallen

Das enorme Bedürfnis nach menschlichem Kontakt: Dieses ist wohl am meisten in den beiden vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Und auch ohne pandemische Einschränkungen ist die Präsenz von CEOs und der C-Für-Alles-Os und Führungskräften generell in vielen Unternehmen ein knappes Gut. Die menschlichen Lieferketten für diese Art der Zuwendung sind ohnehin oft nur schwach entwickelt, jetzt drohen sie dem Home-Office gänzlich zum Opfer zu fallen.

Dabei geht es nicht um die Wiederherstellung der 9-bis-17-Präsenz von Office-Drohnen, wie sie neulich Tesla-CEO Elon Musk von seinen Mitarbeitern unter Androhung fristloser Entlassungen forderte. Unvergesslich wurde diese Art von Büro-Präsenz von Billy Wilder in seinem Meisterwerk „Eins, zwei, drei“ karikiert: Ein riesiges Büro mit endlosen Reihen von Schreibkräften, vorwiegend Fräuleins, die befließentlich aufspringen, wenn James Cagney als Coca-Cola-Boss auf dem Weg in seine Chefsuite durchmarschiert. Nur noch soziopathisch veranlagte CEOs in Elon-Manier träumen heute von solchen Arbeitswelten.

Präsenz, wie sie die Queen, der Bürgermeister oder die Performance-Künstlerin demonstrierten, meint anderes: Es meint Dasein für den menschlichen Kontakt, und sei es auch nur in der Symbolik einer Glückwunschkarte, der Eröffnung eines städtischen Schwimmbads vor TV-Kameras oder einer Museumsinstallation. Für viele Führungskräfte ist es wahrscheinlich überraschend, dass selbst in den Du-Kulturen moderner Organisationen, in denen Hierarchien vorgeblich nur noch auf der Visitkarte existieren, ein enormes Bedürfnis der Menschen nach Kontakt besteht. Das Bedürfnis nach menschlichem Kontakt mit der Chefin und dem Chef, nicht zu verwechseln mit dem angeblich so vermissten Menscheln auf Gängen und in Kaffeeküchen, bei denen die Chefitäten ohnehin nicht präsent waren.

Präsenz ist, im Moment des Kontakts Person und nicht Funktion sein

Präsent zu sein stellt andere Anforderungen an Führungskräfte als nur ihre bloße Anwesenheit. Die Kunst der Präsenz besteht darin, in diesem Moment des Kontaktes ganz die Person zu sein anstelle der Funktion, einander für diesen Augenblick ohne Amt und Titel zu begegnen. Davor scheuen viele zurück, denn solche persönlichen Begegnungen machen es scheinbar schwerer in anderen Situationen die Rolle als Chefin oder Chef wahrzunehmen – wenn es Kritik gibt, es um Gehaltsverhandlungen geht, oder gar eine Kündigung auszusprechen ist. Das Resultat ist häufig der Rückzug in Formalitäten, Ansprachen bei Weihnachtsfeiern, Rundbriefe, Belobigungen unter Einhaltung der hierarchischen Kette. „Wertschätzendes Verhalten“ im gern gebrauchtem HR-Jargon.

Wir neigen in unserer Zeit dazu, symbolische Handlungen wie die Glückwunschkarten einer Queen als Massenpost gering zu schätzen. Häufig werden sie von Sekretariaten erledigt, ohne dass der Absender überhaupt davon weiß. Es geht auch anders: Ende der 1980-er Jahre hatte ich als innenpolitischer Redakteur des STANDARD öfters Gelegenheit, den damaligen Universitätsminister Erhard Busek zu Gesprächen zu treffen. Bei einem dieser Termine fiel mir auf, dass er bei diesem wie früheren Gesprächen nebenbei einen enormen Stapel von Briefen unterschrieb. Er erklärte mir schließlich, worum es ging: Es waren rund 4000 persönliche Schreiben an alle Lehrenden der Unis, die er für seine Universitätsreform gewinnen wollte, vom Minister persönlich unterzeichnet. Etwas später erzählte er mir amüsiert, dass die Hauptreaktion der Empfänger im Rätselraten bestand, ob es tatsächlich seine persönliche Unterschrift war oder nur ein Druck. Seine Präsenz wurde jedenfalls registriert.

Im Post-Corona-Alltag braucht es besondere Anstrengungen, damit Führungskräfte wieder präsent sind. Ein persönlicher Anruf, um zum Firmenjubiläum oder zum Geburtstag zu gratulieren, ein kleiner Chat am Handy zu einem gelungenen Projekt, die Teilnahme an einem Team-Meeting statt einem formellen Termin beim Vorstand – wer das Prinzip Präsenz versteht und als Führungsaufgabe ernst nimmt, wird auch den geeigneten Weg dazu finden. Auch altmodische, von Hand geschriebene Glückwunschkarten sind erlaubt: Als Kontrapunkt zum digitalen Alltag werden sie sicherlich positiv wahrgenommen. 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in Der Standard Karriere:
https://www.derstandard.at/story/2000136468865/was-fuehrungskraefte-von-der-queen-lernen-koennen

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