Impossible Instant Lab

Der Himmel der wunderbaren Erfindungen

Verliebt in eine Technik des vergangenen Jahrhunderts: Vor rund zehn Jahren machte Florian Kaps in Wien einen Laden  auf, der vergessene Polaroid-Kameras und Filme aus den Lagerhäusern dieser Welt sammelte und verkaufte. Dann wandelten Kaps & Co. ein Ende in einen neuen Anfang:

Als die letzte Polaroid-Fabrik in Holland endgültig geschlossen werden sollte übernahm das „Impossible Project“ nach zähen Verhandlungen das Erbe. Ein Startup war geboren, das inzwischen Freunde der Instant-Fotografie aus aller Welt zu neuer Kunst mit alter Technologie inspiriert. Hier ist die Geschichte des Anfangs, wie sie Ende 2006 von mir im Standard aufgezeichnet wurde.

Den Augenblick unsterblich machen: Polaroid OneStep. F: Mike

Irgendwo muss es einen Himmel für all die wunderbaren Erfindungen geben, die an einem Tag fast jedermanns Objekte der Begierde sind, und die der Fortschritt schon am nächsten zum Flohmarktdasein degradiert. Das Grammophon, vom Plattenspieler verdrängt, bis der Plattenspieler dasselbe Schicksal durch CD-Geräte erlitt. Das Blaupapier, an das „cc:“ und „bcc:“ nur noch entfernt erinnert (das für „Carbon Copy“, bzw. „Blind Carbon Copy“ steht – auf Bürokratendeutsch „Durchschlag an“).

Die Erfindung des Instant-Moments erscheint rückblickend wie der Vorbote des digitalen Zeitalters, das zugleich das Ende von Polaroid bedeutete. Der Himmel für die als „Polaroid“ populär gewordenen Kameras von Edwin Land ist seit Kurzem in der Wiener Breite Gasse 11, gleich hinter dem Museumsquartier. Dort spielen Florian Kaps und Andreas Höller den Polaroid-Petrus und nehmen mit offenen Armen alles auf, was an Kameras, Filmen und Zubehör an die Pforten ihrer Niederlassung „Unsaleable.com“ klopft. Oder besser gesagt: das sie auf unermüdlichen Streifzügen durch eBay und die Lagerhäuser der Welt aufstöbern.

Da findet sich ein Exemplar der ersten Baureihe von 1948, ein überdimensionaler Fotoapparat mit Ausziehbalg, der noch Rollfilme verwendete, „eine Sensation und für Reporter besonders interessant“, beschreibt Kaps. Dann die „Swinger“, 1965 um 20 Dollar das erste Polaroid-Massenprodukt, das erstmals mit „Pack Film“ arbeitete: zehn Fotos in einer Packung, der Film in zwei Schichten, die Negativschicht wurde nach der Aufnahme abgezogen.

Surren und Staunen

Und natürlich die SX-70, Polaroids „große Revolution“ aus dem Jahr 1972, eine faltbare Spiegelreflexkamera im eleganten Ledergehäuse und die erste Polaroid mit Integralfilm: Nachdem das Bild mit dem charakteristischen Klack und Motor-Surren vorne aus der Kamera herausschoss, konnte man beim Entwickeln zuschauen. Sieben Millionen Mal verkauft, „irgendwo in der Welt ist damals in jeder Sekunde ein Polaroid-Foto geschossen worden“, erklärt Kaps. Bis 1978 dauerte die Blütezeit der SX-70 und damit auch des Konzerns. 1976 brachte auch Kodak Instantkameras und -filme heraus, 1985 wertlos, als Kodak den größten je geführten fotografischen Patentrechtsprozess verlor.

In den 70er-Jahren versuchte sich Polaroid mit „Polarvision“ auch im Super-8-ähnlichen Filmgeschäft: Nach der Aufnahme wurde die Polarvisions-Kassette in ein Abspielgerät mit Display (eine Rückprojektion) eingelegt, entwickelte sich beim Zurückspulen, und konnte wenige Minuten danach betrachtet werden. Eumig in Österreich fertigte dafür Kameras. Aber Polarvision hatte aufgrund der aufkommenden Videokameras nur eine kurze Lebensspanne.

Die Polaroid-Fotoapparate kämpften bald gegen zwei Neuerungen: einerseits „Ein-Stunden-Labors“, die dem wesentlich teureren Instant-Film seinen größten Reiz nahmen, und bald danach Digitalfotografie. In den 80er-Jahren imitierte ein Polaroid-Modell Digicams: Das belichtete Bild wurde auf die Kamerarückwand transportiert und war dort wie auf einem Display zu bestaunen. Polaroids eigener Digitaleinstieg kam zu spät, 2001 war der Konzern pleite, die Resteverwertung begann. 2005 kaufte die Petters Group (die u. a. Staubsauger herstellt) den Polaroid-Namen, die verbliebene Produktion wurde von Flextronics übernommen.

Der Traum von einem Lagerhaus in Mexiko

Der Großteil dieser Geschichte ist bei Unsaleable.com wieder lebendig: Kaps und Höller haben es geschafft, einen Shop aufzubauen, der über seinen Onlinestore weltweit Marktführer ist. Hier gibt es eine Vielzahl von Polaroid-Modellen, teils fabriksneu, ebenso wie verschiedene Filmformate. Zwar sei vor allem die populäre SX-70 extrem schwierig zu beschaffen, sagt Kaps, teilweise würde man auch Einzelstücke kaufen und „refurbished“ (wiederhergestellt) in den Handel bringen. Aber das Meiste stehe irgendwo in Hallen herum, wo wie bei einem privaten Keller „keiner mehr weiß, dass es vorhanden ist“ und darauf wartet, wiederentdeckt zu werden. „Ich träume immer noch von einem Lagerhaus in Mexiko, wo noch 10.000 SX-70 originalverpackt herumliegen.“

In ihrem eigenen Keller lagert der Bestand aus einem Coup, der Kaps und Höller heuer gelang: In einer weltweiten Exklusivvereinbarung fertigte Polaroid Deutschland 100.000 Kassetten des „SX-70 Blend“ nur für Unsaleable.com, die jetzt in dem Ziegelgewölbe lagern und auf Käufer aus aller Welt warten. „Das ist gerade eine Tagesproduktion. Wir geben uns keiner Illusion hin, in ein paar Jahren wird es diese Fertigung nicht mehr geben, nicht nur wegen der überalteten Maschinen, sondern auch weil dazu ein 60-jähriger Maschinist nötig ist, der sie in Gang hält“, sagt Kaps.

Verlierer, Gewinner

Dieselbe Entwicklung, die für Polaroid das Ende bedeutet, beschert Kaps paradoxerweise gutes Geschäft: die Digitalisierung von allem. Die Instantkameras machte sie technisch obsolet, dem Kleinbetrieb gibt sie weltweite Möglichkeiten zu kaufen und zu verkaufen. „Wir haben dadurch extrem reduzierte Kosten und bedienen mit unserem Onlineshop und vier Leuten einen Weltmarkt.“ Um die Polaroid-Community zu pflegen, haben Kaps und Höller neben dem Shop zwei Websites aufgebaut: Polanoid.net, wo (meist junge) Polaroid-Fans ihre Bilder online stellen, und die Polanoir-Galerie, die aus künstlerischen Polaroid-Aufnahmen Vergrößerungen in begrenzter Auflage herstellt. „Es läuft super, weil wir weltweit die letzte Stelle für bestimmte Filme sind. Darum investieren wir auch jeden Euro in den Ankauf von Filmen, Polaroid hat allein heuer die Produktion von sechs Typen eingestellt, und wir kaufen alles, was es noch gibt.“ (Diese Geschichte von Helmut Spudich erschien ursprünglich in DER STANDARD, 28.12.2006)

Was seither geschah: Interview mit Florian Kaps 2013 im Kurier über das „Impossible Project“

The Impossible Project

2 Men Above: Die Polaroid-Inszenierungen des Künstlerduos Marshall.yeti

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