Dampflok-Heizer

Warum Digitalisierung Radikalität braucht

Als in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts E-Loks die Dampflokomotiven verdrängten wurde der Heizer überflüssig — statistisch gesehen ein Verlust von 50 Prozent der Arbeitskräfte im Führerstand.

Gewerkschaften setzten durch, dass die Heizer als „Triebfahrzeugbegleiter“ weiterhin beschäftigt wurden. In Großbritannien bis zur Ära der „Eisernen Lady“ Maggie Thatcher in den 80er Jahren, in Deutschland bis 1996.

Menschlicher Erfindungsgeist, in Form technischen Fortschritts ebenso wie durch Innovation von Arbeitsprozessen, ist seit Jahrhunderten Treiber von Änderungen unserer Arbeitswelt. Vor weniger als hundert Jahren war ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt und produzierte erheblich weniger Ertrag als heute zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft.

Heute laufen die Änderungen unserer Erwerbsarbeit unter dem neuen Zauberwort „Digitalisierung“ — Wohlstandsversprechen für die einen, Schreckgespenst für die anderen. Je nach Studie kann sich jeder seine Lieblingszahl des drohenden Jobverlusts durch Digitalisierung selbst aussuchen, bis zu 47 Prozent nach einer gern zitierten Studie von Forschern der Oxford University aus 2013. Im Gegenzug predigt seit einiger Zeit ein Chor von Beratern, Forschern und Politikern das Mantra: Fürchtet Euch nicht, durch Digitalisierung werden völlig neue, noch ungeahnte Jobs entstehen.

„Düsenjetbegleiter“ zur Beruhigung im Cockpit

Der drohende Verlust an Arbeitsfeldern ist unbestreitbar. Um beim Lok-Führer zu bleiben, der nach dem Absprung seines Beimanns an Bord bleiben durfte: Wien baut eben seine erste fahrerlose U-Bahn, anderswo (z.B. Kopenhagen) gibt es das längst. Autos und Laster werden nach und nach ihre Fahrer verlieren, es lässt sich über „wann“ diskutieren, aber nicht „ob“. Flugzeuge werde den Großteil ihrer Route einschließlich Landung längst von Computern automatisch gesteuert: Es ist mehr eine Frage der Emotion als der Sicherheit, ob sie besser wie Drohnen mit weniger Personaleinsatz vom Boden aus überwacht werden oder künftige „Düsenjetbegleiter“ zur Beruhigung im Cockpit sitzen.

Die Liste lässt sich fortsetzen. Was ist neu gegenüber dem bisherigen stetigen Wandel? Erstens die Beschleunigung des technischen Fortschritts, was Anpassungszeiten reduziert. Zweitens die Betroffenheit: Durch „künstliche Intelligenz“ (AI) in Verbindung mit fortschreitenden Fähigkeiten von Robotern sind plötzlich auch „gehobene“ Berufsgruppen gefährdet, die sich bisher sicher fühlten. Wenn auch nicht in vorderster Reihe, künftig werden selbst Beschäftigungen in Technik, Medizin, Pädagogik, Recht und IT durch Digitalisierung Federn lassen.

Schneider und Cybershop in Marrakesch
Wahrscheinlich ist Änderungsschneiderei doch zukunftssicherer als Webseiten bauen. F: spu

Provokant gesagt: Ziemlich sicher werden AI-Systeme objektivere Asylbescheide schreiben als manche Beamte. Am aktuellen Beispiel eines Asylverfahren, bei dem Homosexualität ein Kriterium für die Entscheidung war: Schon jetzt kann künstliche Intelligenz die sexuelle Orientierung von Menschen anhand von Porträtfotos besser erkennen als Menschen. Der Algorithmus führt 91 zu 61 Prozent bei Männern, 83 zu 54 Prozent bei Frauen, und anders als der Mensch wird er jährlich besser, wie Weltmeister von Schach und Go bezeugen können.

Bemerkenswert, dass die Aussicht auf weniger Arbeit Ängste statt Freude auslösen. Arbeit war (und ist) für viele Menschen mit Fron, Zwang oder gar Sklaverei verbunden, zumindest mit Pflicht. Schon antike Mythologie träumte von künstlichen Dienern, zu Leben erweckten Statuen. Aristoteles spekulierte vor mehr als zwei Jahrtausenden davon, dass „Automata“ zur Abschaffung der Sklaverei führen könnten — was letztlich die Dampfmaschine und daraus resultierende Industrialisierung schaffte. Menschenhandel und Versklavung findet heute meist in Bereichen statt, in denen Menschen von Automaten noch nicht substituiert wurden, allen voran bei sexueller Ausbeutung.

Weniger Arbeit als menschliche Chance

Darum braucht die Debatte um die Folgen der Digitalisierung am Arbeitsmarkt ein Reframing: Die Chance dieser Entwicklung ist weniger ungeliebte, physisch und psychisch verzehrende Arbeit, und mehr bessere, interessantere, weniger belastende Arbeit. Und überhaupt weniger Arbeit, da uns Maschinen Last abnehmen.

Damit ist kein Heilsversprechen gemeint, wie sie in Technologie-Hochburgen oft abgegeben werden. Es Bedarf konsequenter politischer, ökonomischer und sozialer Arbeit und Entscheidungen, um diesem Leitmotiv der Digitalisierung unserer Arbeitswelt zu folgen. Etwa dabei, wie die großflächige Reduktion von Arbeitsfeldern durch disruptive Innovationen wie selbstfahrende Fahrzeuge bewerkstelligt werden kann. Oder die schleichende Reduktion von Jobs durch laufende digitale Rationalisierung in Unternehmen.

Dafür wird es keine „One Size Fits All“-Lösungen mehr geben, die uns in früheren Entwicklungen zur 40-Stunden-Woche führten (und nicht mehr weiter). Unsere Schwierigkeit besteht darin, dass solche Lösungen zunehmend individuell entwickelt werden müssen, da Digitalisierung sehr unterschiedliche Disruptionen hervorbringt. Während der Finanzkrise zeigte die Autoindustrie, dass weniger Arbeitszeit für alle besser war als weniger Jobs — möglicherweise ein Modell für Unternehmen, in denen durch Rationalisierungen die Stellenzahl laufend sinkt. Teilzeit übernimmt diese Funktion auf individueller Ebene, ist jedoch mit proportionalem Einkommensverlust (und oft dem Verlust der Aussicht auf Karriereschritte) verbunden.

Ein anderer Weg dem Rückgang angestellter Arbeit zu begegnen ist erhöhte Selbstständigkeit. Dies wird gerne mit dem „Startup“-Mythos gefördert, allerdings geht es für viele Menschen um eine ganz andere Art von Selbstständigkeit als eine Unternehmensgründung. Etwa darum, handwerkliche Instandhaltungsarbeiten anzubieten, digitale Assistenz im privaten Bereich, um mit neuen Geräten Zurecht zu kommen, Touristen ein Abendessen in privatem Rahmen anstelle eines Restaurants anzubieten — all das stößt auf gewaltige Hindernisse in Form von Gewerbeordnung, Steuergesetzgebung und Sozialversicherungen. Dabei gibt es für solche Dienstleistungen oder Produkte längst digitale Plattformen wie Eetsy oder AirBnB, das zunehmend individuelle Dienstleistungen vermittelt.

Zwar gibt es eine Art Konsens, dass Selbstständigkeit wachsende Bedeutung zukommt. Jedoch sind vor allem Gewerbeordnungen und Sozialversicherungen gewaltige Hindernisse — aus Sicht des Staates und seiner Interessenverbände ist man eben entweder Angestellter oder Unternehmer, gehört zur AK oder zur WKO, oder als Freiberufler in eine andere Kammer.

Weiter Weg zum Grundeinkommen

Unweigerlich führt die Diskussion über den Verlust an Jobs durch Digitalisierung zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen. Dahinter steht die Frage eines Steuer- und Sozialsystems, das derzeit wesentlich auf „Arbeit“ aufbaut und sich der Einsicht verweigert, dass dieser Faktor seit vielen Jahren stagniert oder schrumpft, während die Kapitalerträge steigen. Ein Grundeinkommen für alle, verbunden mit dem nötigem Umbau des Steuer- und Sozialsystems, wirkt als bestechende Lösung: Es verspricht schmerzlose Reduktion der Arbeitszeit, da nur noch soviel gearbeitet wird, wie Arbeit lohnend ist — im buchstäblichen wie übertragenen Sinn des Wortes.

Möglich, dass darin in — eher ferner — Zukunft die Antwort auf das Dilemma des Heizers auf der E-Lok liegt. Befürworter des Grundeinkommens, wenn auch in der Minderheit, finden sich in allen Lagern, bei Unternehmern wie Top-Managern ebenso wie Politiker der meisten Couleurs (wenn man über den Rand von Österreich hinaus sieht). In absehbarer Zeit wird uns jedoch nicht erspart, viele Lösungen auf dem Weg zum positiven Versprechen der Digitalisierung zu erproben. Vorhandene Ansätze wie Bildungskarenzen, reibungslosere Übergänge zwischen Systemen oder die Aufgabe von Gewerberegulierungen in vielen Bereichen brauchen unösterreichische Radikalität um mit dem Tempo der Digitalisierung Schritt zu halten. Die Alternative sind eine wachsende Zahl von „Beimännern und Beitragen“, mit den damit verbundenen ökonomischen und sozialen Kosten.

Dieser Beitrag erschien in Der Standard, 25. August 2018

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