Pensionsberechtigt und im Ruhestand? Von wegen.

Die Rolling Stones tun es. Tony Bennet, Joan Baez und Jane Fonda tun es. Brigitte Bierlein und Alexander Van der Bellen tun es. Und rund 100.000 Österreicherinnen und Österreicher tun es (offiziell): Sie arbeiten, obwohl sie längst pensionsberechtigt sind.

Während die öffentliche Diskussion sich weiterhin um die Anhebung des realen Pensionsantrittsalters dreht, scheint die gesellschaftliche Entwicklung längst in eine neue Phase getreten zu sein: Die Pension ist nicht mehr die dritte Stufe der österreichischen Traumkarriere — Sängerknabe, Lipizzaner, Frühpension, im Ranking eines alten Witzes.  Für eine wachsende Zahl an Menschen ist die Pensionszahlung bestenfalls Grundsicherung für die Karriere nach der Karriere. Eine Karriere mit höheren Freiheitsgraden als in vorausgehender, jahrzehntelanger Berufstätigkeit, die nicht immer Traumjobs und Wahlmöglichkeiten bereithielt.

„Für mich war Pension etwas, wo man übernachtet und ein Frühstück bekommt“, sagt Imma Baumgartner, „bis mir die SVA geschrieben hat, Liebe Frau Baumgartner, sie gehen ja bald in Pension. Da habe ich geschluckt. Dann dachte ich mir, ich habe eingezahlt, also nehme ich es jetzt, ich arbeite ohnehin weiter.“ Vom Klischeebild einer „Pensionistin“ ist die Juristin Baumgartner so weit entfernt wie der nächste bewohnbare Planet von Mutter Erde: Nach einer bunten Karriere, die als Flugbegleiterin begann und über Gerichtsjahr, Rechtsabteilungen bei internationalen Konzernen, der Generaldirektion Wettbewerb bei der EU in Brüssel zur Leitung des Wiener Büros von Österreichs erstem Kommissar Franz Fischler führte, machte sie sich selbstständig.

„In der Selbstständigkeit habe ich gemerkt, wie meine Geschäftsinteressen anfangen zu blühen“, ein „Spagat“, der die Tirolerin zu drei Unternehmen führte. Heute betreibt sie eine Public Affairs Agentur, das Modelabel Time4Africa, und gemeinsam mit ihrem Bruder das Arbeitsmedizinische Zentrum in Hall in Tirol. Seit zwei Jahren bezieht sie Pension, aber „ich habe meine Arbeit nicht reduziert, so kann ich nicht denken. Mein Arbeitstitel für die Pension ist ‚Miete, Strom, Gas‘: Meine Fixkosten sind abgesichert, ich bin dadurch sehr frei und kann machen was ich will.“

Freiheit statt Pflicht zu arbeiten, das empfindet offenbar auch eine zunehmende Zahl an Menschen, die als Angestellte oder Arbeiter tätig sind. Martina Thomasberger, Sozialversicherungsexpertin der Arbeiterkammer Wien, weiß dies aus ihrer Beratungstätigkeit ebenso wie aus eigener Erfahrung. „Ich bin schon über 60, habe meine Pension beantragt und arbeite voll weiter.“ „Fix“ will sie dies bis 62 machen, „darüber hinaus reden wir noch. Mir macht die Arbeit Spaß und ich kann sie auch noch ausführen“, sagt Thomasberger. 

Die Zahl derer, die sich nach den Möglichkeiten des Arbeitens trotz Pensionsberechtigung erkunden, würde zunehmen, weiß die Expertin aus ihrer Beratungsarbeit. Dabei gibt es zwei Optionen: Die Pensionsauszahlung aufschieben, was einige „Goodies“ bringt wie den Wegfall der Arbeitslosenversicherung und zu einem höheren Nettobezug führt. Oder die Pension mit Erreichen des Regelpensionsalters beantragen und parallel dazu weiterarbeiten. Tendenziell sei letzteres günstiger, und „viele sind überrascht, dass dies möglich ist“.  

Bei Frauen, denen mit 60 oft noch Leistungen für einen bessere Pensionsbezug fehlen, kann der Aufschub Vorteile in Form deutlich höherer Pensionszahlungen bringen. Und seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Jahr 2011 sind Pensionskündigungen mit 60 nicht mehr möglich, da sie als Diskriminierung aufgrund des Geschlechts gegen EU-Recht verstoßen — was die (diskriminierende) österreichische Verfassungsbestimmung unterschiedlicher Altersgrenzen von 60 bzw. 65 Jahren für Frauen bzw. Männer de facto aufhebt. 

Das Wirtenehepaar Adelheid Reisinger (re) und Michael Vesely betreibt seit 2008 das Mittagsrestaurant Reisinger’s am Salzgries in der Wiener Innenstadt. Foto: spu

Wie sich die „Zuzahlung“ Pension nutzen lässt zeigt das Wirtenehepaar Adelheid Reisinger und Michael Vesely, die in Wien am Salzgries das Mittagslokal Reisinger’s betreiben. Nach ihrer traditionellen Sommerpause begrüßten sie ihre Stammgäste im wöchentlichen Newsletter damit, dass sie Adelheids 60. Geburtstag, „zu dem die Durchschnittsösterreicherin bereits acht Monate in Pension ist“, zum Anlass genommen haben „ihre Öffnungszeiten anzupassen. Langer Rede kurzer Sinn: Wir haben künftig am Freitag geschlossen und freuen uns auf ein Wiedersehen von Montag bis Donnerstag“. 

Die Freude auf das Wiedersehen mit den Gästen scheint wechselseitig: Bei einigen Lokalaugenscheinen vor einiger Zeit waren der kleine Schanigarten und die Gaststube des Reisinger’s bis auf den letzten Platz gefüllt. Vier Tage offenhalten, auch wenn es „nur“ für die Mittagszeit ist, resultiert für Wirtin und Wirt in weit längeren Arbeitszeiten als einer 40-Stunden-Woche. „Wir fangen kurz vor 9 an, sind dann gegen 17 Uhr 30 fertig, dann machen wir Zuhause die Buchhaltung, den Speiseplan, die Bestellungen, alles was man nicht sieht. Obwohl es unsere Leistung nur 4 mal 4 Stunden zu beziehen gibt“, zählt Michael Vesely auf. 

„Ich habe meine Pension angetreten, die nicht sehr hoch ist und ohnehin inkludiert, dass ich was weitermachen werde“, sagt Adelheid Reisinger zu ihrem gemeinsamen Beschluss. „Wir schauen jetzt wie es mit den 4 Tagen geht, längerfristig schauen wir natürlich nach einem Nachfolger.“ Aber „nix tun“, das ist für beide ausgeschlossen. „Ich habe früher Drehbücher geschrieben, vielleicht mache ich das dann wieder“, sagt Reisinger. Oder „unser Knowhow nutzen, andere unterstützen, wenn sie ein Lokal aufsperren“, sekundiert Vesely. 

Die Karriere nach der Karriere zeigt, dass Menschen sowohl aus Interesse und Freude an ihrer Arbeit wie auch dem Verdienst arbeiten. „Es gibt immer auch wirtschaftliche Zwänge. Aber es gibt irrsinnig viel Positives in der Gastronomie: Das unmittelbare Feedback, das es im Management selten gibt. Etwas Sinnliches zu machen, das die Kunden in ihrer Freizeit begleitet“, beschreibt Vesely, der vor dem Wirtsein als Manager tätig war.

Dieses Bild bestätigen auch Erhebungen der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) zu Selbstständigen über 60/65, gerne „Silverpreneure“ genannt. Rund 7 Prozent der WKO Mitglieder sind 65 und älter, bei den „EPU“ (Einpersonenunternehmen) ist der Anteil sogar 10 Prozent, Tendenz steigend. Die Zufriedenheit in dieser Altersgruppe steigt deutlich, die wirtschaftliche Situation wird als besser beschrieben als im Schnitt, was wohl auf die Kombination von Einkommen und bessere soziale Absicherung zurückzuführen ist, heißt es in einer Studie der KMU-Forschung Austria.

Besonders interessant in dieser Studie: Silverpreneure sehen sich besser bereit für die technologischen Wandel als der Durchschnitt der Unternehmen, Innovation sind häufiger Teil ihrer Geschäftsstrategie als im Schnitt. Für Arbeitgeber, die Pensionskündigungen und Frühpensionierungen gerne mit dem Argument unterlegen, dass ihre älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schlechter mit Innovation und technologischem Wandel zurechtkommen, sollte dies Stoff zum Nachdenken geben, wie Erfahrung und Lust an der Arbeit ihren Unternehmen zugutekommen können.

Unternehmen sprechen gerne davon, dass sie ihre jungen Mitarbeiter mit „Startupmentalität“ und „Work-Life-Balance“ motivieren wollen. „Silverpreneure“ in weiterer Anstellung könnten ähnliche Qualitäten plus langjährige Erfahrung einbringen. Vorausgesetzt, ihrem Freiheitsdrang wird so entsprochen wie dem der Jungen.

Der Standard Karriere 29.8.2019Dieser Beitrag erschien ursprünglich in Der Standard.

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