Altglas

Wir träumten von smarten Kühlschränken, jetzt bekommen wir smarte Mülltonnen

Vor 20 Jahren, am Höhepunkt der ersten Fieberkurve des Internets, staunten wir über vernetzte Waschmaschinen und smarte Kühlschränke. Just what will they think of next? Wer hätte damals gedacht, dass heute unsere Abfälle heiße Kandidaten der Digitalisierung sind.

20 Jahre später ist next weniger sexy, aber in Hinblick auf das drängendste Problem unserer Zeit, den Klimawandel, wahrscheinlich relevanter als der vernetzte Kühlschrank: „Smart Waste“, die vernetzte Mülltonne und Müllabfuhr, mit dem Ziel den Müll zu Wertstoffen zu verwandeln und den Rest möglichst effizient zu entsorgen. 

Der heimische Entsorgen Saubermacher, weltweit tätig, hat bereits seit einiger Zeit smarte Mülltonne und Wertstoffscanner in Feldversuchen in steirischen Gemeinden im Einsatz (hier nachzulesen). Jetzt schließen sich die niederösterreichischen Gemeindeverbände für Abfallbeseitigung in Horn und Tulln der Digitalisierung an und beginnen gleichfalls mit groß angelegten Pilotprojekten. Diese stellte Saubermacher mit den beiden Gemeinden sowie dem Netzbetreiber Magenta Telekom bei einem Pressegespräch im Haus Niederösterreich vor — ironischer weise dort, wo einst die wenig digitalisierungsfreundliche, kurzlebige „Handymastensteuer“ als Fortschritt beschlossen und gefeiert wurde.

Abfallwirtschaft als CO2-Sparefroh

Die Abfallwirtschaft gehöre zu den wenigen Bereichen, die bereits in den letzten Jahren durch höhere Effizienz und Wiederverwertung von „Wertstoffen“ —Glas, Papier, Metall und Kunststoff, die recycelt und als Rohstoff wieder verwendet werden — CO2 Emissionen eingespart habe, sagt Hans Roth, Aufsichtsratsvorsitzender und Gründer von Saubermacher. „Mein Herz geht über für Greta Thunberg und die anderen, die hier aktiv sind. Ich rede seit 10 Jahren über Umweltschutz, jetzt ist es in den Gemeinden angekommen“, sieht Roth die Abfallwirtschaft als Speerspitze im Kampf gegen Faktoren der Klimaerwärmung.

Nicht nur Greta & Co erzeugen Dringlichkeit, auch die EU-Richtlinie zur Kreislaufwirtschaft macht Druck. Zwar zähle Österreich im EU-Feld der Altstoffsammler zu den Spitzenreitern, 58 Prozent des Mülls werde durch Trennung wiederverwertet, berichtete Mitte September Christoph Scharff, Vorstand der Altstoff Recycling Austria (ARA). Nur in Deutschland wird noch emsiger gesammelt und getrennt, womit die Nachbarn auf eine 66-prozentige Verwertungsquote kommen. Während bei Glas die Quote bereits 80 Prozent beträgt schwächeln die heimischen Haushalte hingegen bei Kunststoff mit 25 Prozent Quote — was nach EU-Richtlinie bis 2025 auf 50 Prozent steigen muss.

600 Millionen Tonnen Rohstoffvergeudung

„Jährlich landen noch immer 600 Millionen Tonnen Rohstoffe wie Glas, Papier, Metall oder Kunststoff noch immer im Restmüll. Diese Menge muss in die richtige Tonne“, sagt Ralf Mittermayr, Vorstandsvorsitzender von Saubermacher. Dabei ist Restmüll die teuerste Art des Abfalls, eine Verbesserung der Wiederverwertungsquote verbilligt die Abfallentsorgung, bringt höheren Ertrag durch wiedergewonnenen Rohstoff und reduziert die Umweltbelastung durch bessere Ressourcennutzung.

Die beiden Pilotprojekte in Niederösterreich erproben zwei unterschiedliche Hebel: Einerseits, im Bezirk Horn, wird durch Sensoren an den Sammelbehältern für Glas der Füllstand an den Abfallverband gemeldet. Damit erfolgt die Entleerung punktgenau, wenn die Tonnen voll sind, Fahrten zu leeren Tonnen entfallen, was die Emissionen der eingesetzten Müllfahrzeuge senkt. Erfreulicher Nebennutzen: die Lärmbelästigung der Anrainer beim Entleeren der Glascontainer sinkt, und rund um überfüllte Behälter werden keine alten Flaschen mehr abgelegt.

Für das „smart“ am Container sorgt Sensor ANDI (O-Ton Mittermayr: „Wenn schon Banken Vornamen haben soll auch unser Sensor einen haben“, das Akronym steht für automatisch, nachhaltig, digital und innovativ), der vom steirischen Startup SLOC zusammen mit Saubermacher entwickelt wurde. Ultraschall misst den Füllstand, der Bewegungssensor spürt, wenn die Tonne entleert wird, GPS kennt den Standort des Containers und Datenfunk stellt über „NB-IoT“, das mobile Datennetz von Magenta für das Internet der Dinge, den Kontakt mit der Plattform der Müllentsorger her. 

Dank der energiesparenden Struktur des IoT-Netzes soll die Batterieladung von ANDI fünf Jahre halten, was der Lebensdauer eines Containers entspricht. ANDI hat noch andere Tricks auf Lager, darunter die Fähigkeit zur Temperaturmessung. Bei Glas kaum relevant, im Haushalts-Restmüll zunehmend: Denn hier landen immer öfter kleine Batterien, die zwar bei Happy-Birthday-singenden Glückwunschkarten gute Laune verbreiten, dafür in der Restmülltonnen immer öfters durch Entzündung zu ernsten Probleme führen können.

Bewusstseinsbildung das wichtigste Trenninstrument

Andererseits, beim zweiten Projekt in der Region Tulln, kommt ein Wertstoffscanner zum Einsatz. Dessen Aufgabe ist es zu erkennen, wenn beim Entleeren der Mülltonne oder Container die Zusammensetzung des Abfalls analysiert und damit Auskunft über die Wiederverwertungsquote gibt. Der Nutzen ist ein indirekter, denn durch den Einsatz des Scanners gibt es keine unmittelbare Änderung — aber durch das Feedback an die Bewohner von Wohnanlagen, individuellen Häusern oder von Straßenzügen gibt es Rückmeldungen über eine mögliche Verbesserung der Trenngewohnheiten. Eine App spielt diese Information an Bewohner zurück, wenn sie sich dafür anmelden. Gemeindemedien, von den Flugblättern der Bürgermeister bis zu Bezirkszeitungen, können uns Müllbürgern „Nudges“, Stupser geben, uns doch ein bisschen mehr anzustrengen, und Game-artige Belohnungen verteilen wenn dies gelingt.

Saubermacher Werstoffscanner
„Smart Waste“: Ein Wertstoffscanner erkennt Fehleinwürfe im Abfall und hilft bei der Bewusstseinsbildung. Foto: Saubermacher

Der Wertstoffscanner arbeitet mit künstlicher Erkennung zur optischen Mustererkennung, eine gemeinsame Entwicklung von TU Graz und Joanneum Research. Mittels Sensors und Multispektralkamera wird so z.B. erkannt, ob sich Glas oder Kunststoff im Restmüll befindet. Die Kommunikation mit den Einwohnern der Region erfolgt über ein digitales „Schwarzes Brett“, eine Entwicklung von Magenta. Was es derzeit immer noch in Postwurfsendungen und auf Zetteln und Online-Info verstreut an Information in den Gemeinden gibt — Entleerungstermine, örtliche Events, Infos zur eigenen Wohnanlage, Wohnungsmarkt, und eben „Smart Waste“, die Information über die erzielte Verwertungsquote wie über die Art der Fehleinwürfe, die von den Scannern registriert werden.

„Bewusstseinsbildung ist unser wichtiges Instrument zur Mülltrennung. Das ist wie die Smileys und Geschwindigkeitsanzeigen vor den Schulen, diese haben nachweislich die Zahl der Übertretungen um 60 Prozent reduziert. Wir agieren nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern geben positive Anreize und das Gefühl, dass man als einzelner zur Lösung der Umweltproblematik etwas beitragen kann“, sagt Mittermayr. 

Bis Mitte 2020 sollen ANDI ebenso wie der Wertstoffscanner serienreif sein. In zehn Jahren, diese Prognose wagt der Saubermacher, „wird alles mit allem vernetzt sein. Die nächsten Wertstoffe, bei denen unsere Sensoren und Scanner Information zur Verbesserung liefern können, werden Kleidung und alte Elektronik sein“.  Mittermayrs Vision reicht weiter: „Wir werfen im Schnitt sechsmal am Tag etwas weg. Im Labor arbeiten wir daran, dass bereits der Mistkübel in der Wohnung schreit, wenn was Falsches eingeworfen wird.“ Derzeit ist das aber noch Zukunfts-(Katzen)-Musik. Mitte 2020 gibt es Informationen, wie heiß die Niederösterreicher die Digitalisierung ihrer Abfälle finden.

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