Buchcover: Der Spion in meiner Tasche

Der (Pandemie-) Spion in der Tasche

Mit der Ausbreitung des Coronavirus wird ein Eingriff in unsere Privatsphäre diskutiert, der bisher in Europa undenkbar war: Handydaten, vor allem unsere Bewegungsprofile und Kontakte, sollen bei der Eindämmung der Epidemie helfen. Die Ausnahmesituation würde diesen drastischen Eingriff in unsere Privatsphäre rechtfertigen, argumentieren deutsche Wissenschafter des Robert-Koch-Instituts gegenüber der Politik. Inzwischen holt die Realität den Vorschlag bereits ein: In Israel werden Handydaten zur Tracking infizierter und gefährdeter Personen verwendet, und auch China und Südkorea haben in ihrem Kampf gegen die Pandemie auf die Nutzung von Bewegungsdaten zurückgegriffen.

Diese Entwicklung wirft ein Schlaglicht auf die allumfassenden persönlichen Daten, die unsere Smartphones und die dahinterstehenden Dienste längst über uns sammeln. Helmut Spudich, Ex-Kommunikationschef des Telekommunikationsunternehmens Magenta (früher T-Mobile), analysiert in seinem neuen Buch „Der Spion in meiner Tasche – Was das Handy mit uns macht und wie wir es trotzdem benutzen können“ die Risiken beim Umgang mit Mobiltelefonen. Themen sind unter anderem der Zugang der Justiz zur Überwachung von Handys und datenabsaugende Sprachassistenten und das neue 5G-Netz. Spudich ist dabei jedoch kein Spielverderber, sondern zeigt auch, wie sich das Handy trotzdem nutzen lässt – etwa für lebensverlängernde medizinische Anwendungen.

Das ganze Leben in einer Hand

Das Smartphone als ständiger Begleiter, der aus dem Leben nicht mehr wegzudenken ist und mit dem viele bereits in einer Art Symbiose leben, ist schon lange keine dystopische Zukunftsvision mehr. Gerade in der jetzigen Corona-Krise mit Ausgangsverboten sind wir mehr als bisher auf unsere Handys angewiesen. Unsere unverzichtbaren Assistenten sind allerdings nicht nur da, um uns das Leben zu erleichtern. Smartphonesstelle sind auch ein perfektes Überwachungssystem, das mittels Mikrofon, Kamera, GPS, Funkverbindungen und Bildschirmimpressionen Tag und Nacht unsere Daten sammelt, um äußerst indsikret mit ihnen umzugehen. Spektakuläre Dateneinbrüche wie in das Handy von Amazon-Gründer Jeff Bezos zeigen, dass sich selbst die Superreichen nicht wirksam davor schützen können.

Wettrennen um Daten

Spätestens seit dem Cambridge Analytica-Skandal weiß man, dass es die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley mit der Privatspäre ihrer Nutzer nicht so genau nehmen. Spudich: „Nicht nur Facebook, sondern etwa auch GoogleApple und Amazon betreiben Datenklau im großen Stil. Etwa durch die Betriebssysteme Android und iOS, die jeden Schritt und fast jede Handlung von Handybesitzern aufzeichnen. Oder durch Sprachassistenten wie Siri, Alexa oder den Google-Assistent, die auch mal unaufgefordert Gespräche mithören und aufzeichnen.

Gleichzeitig versucht China, mittels Smartphones seine totale Überwachung auf den Rest der Welt auszuweiten. Apps wie die besonders bei Jugendlichen beliebte Video-Sharing-Plattform TikTok, aber auch Tech-Riesen wie Huawei, der sich zurzeit als Spitzenreiter beim Ausbau des neuen 5G-Netzwerkes in Europa positioniert, stehen im Verruf, die Daten der Nutzer abzusaugen und für unlautere Zwecke zu verwenden.

Im Auge der Justiz

Handydaten werden jedoch nicht nur für wirtschaftliche Zwecke gesammelt. Auch die Justiz hat ein wachsendes Interesse an präzisen Lokalisierungsdaten und immer genauerer Gesichtserkennung, beispielsweise, um bei der Aufklärung von Verbrechen voranzukommen. Spudich beschreibt in seinem Buch, welche fatalen Fehler dabei auftreten können und welche weitreichenden Folgen eine solche staatliche Kontrolle haben kann.

Beispielsweise entwickelt die digitale Industrie Gesichtserkennung derzeit so weiter,  dass die Programme nicht nur die Identität einer Person erkennen können, sondern etwa auch ihre Gemütslage, zur sexuellen Orientierung oder allfällige Erbkrankheiten. Besonders in streng religiösen Ländern, in denen auf Homosexualität noch die Todesstrafe steht, stellt das für viele Menschen eine reale Gefahr dar.

Wie wir uns schützen können

Spudich wird in seinem Buch nicht zum Spielverderber. Vielmehr zeigt er die Möglichkeiten einer Überwachung durch das eigene Handy ohne jeden Alarmismus und gibt simple Tipps, wie sich Privatsphäre zumindest teilweise schützen lässt. Nicht alles können jedoch Benutzer durch Umsicht und Vorsicht tun: Es benötigt dazu auch klare rechtliche Rahmenbedingungen, die u.a. den weltweiten Handel mit unseren Daten unterbinden. Auch dazu finden sich im Buch „Der Spion in meiner Tasche“ konkrete Vorschläge.

(Pressetext der edition a zum Buch)

Helmut Spudich: Der Spion in meiner Tasche. Was das Handy mit uns macht und wie wir es trotzdem benutzen können. edition a, 226 Seiten, 22 Euro.

Aufgrund der CoVid-19-Bestimmungen derzeit nur im Onlinehandel, u.a. bei Morawa, Thalia und vielen Buchhandlungen erhältlich. Das Buch ist auch für Kindle, E-Book-Reader und als Audiobuch verfügbar.

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