Chats: Der Kit sozialer Beziehungen

Keep on Chatting

Bei manchen Managern und Unternehmen werden die unrühmlichen Chatprotokolle der Politik Löschaktionen ausgelöst haben. Aber der Verzicht auf Chats in der internen wie externen Kommunikation wäre ein großer Fehler: Textnachrichten halten unsere Beziehungen zusammen.

S: Ich habe heute alles gelöscht
Bei WhatsApp
 
A: Okay – hab ich gemerkt weil auf einmal alles weg war von dir
 
S: Und nochmal alles durchsucht und weggeworfen
A: 😄😄
A: Genial

 
Am Anfang war der Chat. So würde eine kurze Schöpfungsgeschichte des Internets beginnen. Am Ende stand die Staatsanwaltschaft, wäre dann der Schlusssatz, den die Beschuldigten in derzeit laufenden Untersuchungen der WKStA gegen den Ex-Bundeskanzler und Mitarbeiter hinzufügen würden.
 
Was zwischen Anfang und vorläufigem Ende steht hat in vielen Unternehmen zur Gewissenserforschung, vorübergehender Reduktion des Chat-Grundrauschens und der Suche nachWhatsApp-Alternativen geführt. Signal steht seit den Folgen der Ibiza-Affäre hoch im Kurs, bei rechten Gruppierungen und in vielen „illiberalen Demokratien“ und Diktaturen ist Telegram das neue WhatsApp. Und seit Facebook ankündigte, auf WhatsApp-Daten zuzugreifen, liefen selbst Oma und Opa zu Signal über.
 
Ohnehin steht am Arbeitsplatz Chat (und generell Social Media) im Generalverdacht, ein Zeiträuber zu sein. Dabei ist Tratsch der soziale Kit, der Beziehungen zusammenhält und Gruppen Identität gibt. Paradoxerweise belegt gerade ein gern gebrauchtes Argument für die physische Anwesenheit am Arbeitsplatz die Unentbehrlichkeit von WhatsApp & Co: Nämlich, dass die besten Ideen am „Water Cooler“ entstehen, also in informellen Treffen.
 
Beziehungen auf Distanz

„Social Distancing“ ist nicht erst seit pandemischem Homeoffice Realität, sondern schon lange geübte Praxis, sei es über Stockwerke im selben Büro, Dienstreisen und Außendienste, Schichtpläne oder an verschiedenen Standorten verstreute Arbeitsplätze. Soziale Netzwerke sind nicht die Ursache, sondern die Folge einer Vielzahl von Beziehungen, die wir über die meiste Zeit auf Distanz leben – auch wenn daraus ein problematischer, selbstverstärkender Kreislauf entsteht.
 
Chat – der Austausch von Texten – ist eine logische Anwendung, sobald zwei Computer verbunden werden. In der Ursuppe der frühen Datenverbindungen gab es Chat, noch ehe es das Internet in der Form gab, wie wir es heute kennen. 1988 ermöglichte Internet Relay Chat, IRC, den Austausch von Textnachrichten in Kanälen vieler Teilnehmer wie in einzelnen Unterhaltungen. Auch wenn es seine populärste Zeit längst hinter sich hat, verwenden weiterhin Millionen Menschen IRC-Systeme, dank Apps selbst am Smartphone.
 
Längst hat sich Chat überall breit gemacht: Die Jugendkultur entdeckte SMS in den 1990-er Jahren als Alternative zum Telefonieren, 15 Jahre später wurde WhatsApp zur populärsten App für Smartphones. „DM“ – Direct Message – blühen in sozialen Netzen wie Twitter oder Instagram, in Multiplayergames oder seit Corona als „Teleparty“ zum gemeinsamen „bingen“ von Netflix-Serien. Vieles davon hat sich naturgemäß am Arbeitsplatz breit gemacht und sich zu einer eigenen Kategorie entwickelt wie Slack, quasi WhatsApp für Fortgeschrittene.
 
Texting killed the telephone

Texten hat, zumindest bei Unter-50-jährigen, längst die Bedeutung des Telefonierens übernommen. In Bürolandschaften, die früher vom Lärm vieler Telefonate und dem Klingeln der Telefone geprägt waren, herrscht heute weitgehend Stille über dem Grundrauschen klappernder Tastaturen. Zum – seltenen – Telefonieren verdrückt man sich verschämt in ein Eck am Gang. Call Center von Unternehmen bemühen sich durch lange Wartezeiten und nur noch versteckt angegebenen Telefonnummern ihre genervten Kunden auf Chat umzuleiten – sobald man sich daran gewöhnt hat meist eine befriedigende Erfahrung auf beiden Seiten.
 
So kehren wir mit den digitalen Mitteln des 21. Jahrhunderts in die Zeit vor der Erfindung des Telefons zurück: Wir schreiben einander, statt miteinander zu reden. 1869 erfand die österreichisch-ungarische Post die Postkarte, Vorläufer heutiger Chatnachrichten. Zugestellt wurde damals noch mehrmals am Tag, sodass ein reger Austausch per Post möglich war. Eilte es besonders verschickte man ein Telegramm.
 
Aber wie steht es mit der Verfänglichkeit von Chats, die manchen – siehe unser Eingangsbeispiel – zum Verhängnis werden können?
 
Überbewertet.
 
Wenig davon, was wir in hunderten, bei manchen Usern tausenden Nachrichten an einem Tag absetzen, wird sich je in die dünne Luft kriminalistischer Höhen oder schwer behüteter Unternehmensgeheimnissen aufschwingen. Wer tatsächlich in solche Machenschaften verwickelt ist sollte sich schon längst dessen bewusst sein, dass nichts sicher ist, was über digitale Kanäle ausgetauscht wird.
 
Das allermeiste in unseren Chats hingegen ist soziales Grundrauschen („Du bist Familie!“) und Informationsaustausch zu gemeinsamer Arbeit, Terminvereinbarung für „richtige“ Treffen oder eine Videokonferenz, wer die Kinder wo abholt, was für den Haushalt noch eingekauft werden muss.
 
Eine Frage des guten Tons

Nachholbedarf im Umgang mit Chat besteht darum weniger in technischer Hinsicht – welche Apps können nicht ausspioniert werden? – sondern in sozialer. In Abwandlung der aus Krimis bekannten Verhaftungsphrase: Alles was Sie schreiben kann gegen Sie verwendet werden. Denn einer der nachhaltigen Unterschiede zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort ist die ständige, automatische Protokollierung, allen Vorkehrungen zum Trotz. Konversationen löschen, End-to-end-Verschlüsselung? Sinnvoll aber nutzlos, sobald eine an der Konversation beteiligte Person den Chatverlauf gespeichert hat. Selbstlöschende Nachrichten? Eine Schimäre, die durch einen Screenshot oder Foto mittels eines zweiten Handys zunichte gemacht wird.
 
Gegen solch unerwünschte Nebenwirkungen hilft nur soziale Intelligenz: „Zivile“ Sprache, die bei unerwarteter Veröffentlichung vielleicht peinlich, aber nicht beschädigend ist. Einzelne Worte bekommen in knappen, geschriebenen Texten oft überdimensionale Bedeutung, da bei ihrer „Entschlüsselung“ mehr Fantasie im Spiel ist als bei längeren Gesprächen, von Tonfall, Mimik und Gestik begleitet. Vertrauliche, gar geheime Unternehmensinformation gehört in keinen Chat, egal wie „sicher“ der Kanal scheint. Unanständige Bilder: At your own risk – bei Messaging gibt es im Streitfall keine „Er sagt, sie sagt“-Verteidigung mehr.
 
Das wussten Sie bereits längst? Natürlich, es sagt einem der Hausverstand. Also dann: Ruhig weiterchatten. Der nächste Chatskandal kommt bestimmt.

Dieser Beitrag erschien in Der Standard Karriere.

Veröffentlicht von