Christian Dreyer-Salzmann: Ein Zehent für gemeinnützige Investitionen.

„Es geht darum, nichts zurückzukriegen“

Stiften für das Gute: Eine Standard-Serie zum Thema gemeinnützige Stifterinnen und Stifter. Diesmal: Der Zug zur Philanthropie kann schon in studentischen Jahren beginnen. Wie bei Christian Dreyer-Salzmann, der um 20 Euro jährlich die Patenschaft für einen fünfjährigen tibetischen Mönch übernahm. Heute geht er mit wesentlich größeren Summen strategischer vor.

Anders als der Ururgroßvater, der in Saalfelden einen Bauernhof verspielte, hat Christian Dreyer-Salzmann ein Händchen für Geld. Und sein Beruf ist es, mehr Geld aus Geld zu machen. „Ich bin ein Entrepreneur und Selfmademan, der einen Bilderbuchstart ins Business-Leben hatte“, beschreibt Dreyer-Salzmann im Gespräch mit dem STANDARD seine Karriere. 1991 kaufte er eine kleine Bergbaufirma im Ruhrgebiet, Hansen Sicherheitstechnik, die er erfolgreich über 18 Jahre führte.
 
„Mit dem Mauerfall kamen dann Gelegenheiten in Osteuropa, Asien und Südafrika. Ich habe das Unternehmen 2006 an die Börse gebracht und 2007 alles verkauft. Das ist der Grundstock meines Vermögens“, sagt Dreyer. Heute hält Dreyer Ventures and Management ein Portfolio „innovativer Industrieunternehmen“, darunter die Salzburger Novogenia, die genetische Diagnostik macht und in der Pandemie ihr Labor für Gurgeltests nutzte.

„Ich halte es mit dem Grundprinzip des biblischen Zehenten, dass man einen Anteil zurückgeben soll.“

Umso mehr erstaunt in Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg, dass Dreyer-Salzmann jährlich sechsstellige Summen für gemeinnützige Zwecke vergibt. Begünstigte waren unter anderem das Kinderschutzzentrum Salzburg, das Bildungsprojekt „Teach for Austria“, oder die START Migrantenförderung, die Stipendien an Migrantinnen und Migranten vergibt. „Vor zehn Jahren führte ich eine Diskussion mit einer guten Freundin, die mich fragte: Warum gibst du Leuten Geld, von denen du nie etwas zurückkriegst? Aber genau darum geht es, es nicht zurückzukriegen – denn sonst ist es Business. Für mich ist das sonnenklar“, sagt Dreyer-Salzmann.
 
Diese Haltung zu helfen verortet er in seiner Kindheit. „Mein Vater war Lehrer mit dem Prinzip, dass man einen gewissen Teil seines Wohlstands auch der Allgemeinheit und Leuten zur Verfügung stellen muss, die weniger Glück im Leben haben. Ich halte es mit dem Grundprinzip des biblischen Zehenten, dass man einen Anteil zurückgeben soll“, sagt Dreyer-Salzmann. „Das geht auch, wenn man weniger Geld hat. Als Student hatte ich kein Geld, aber 20 Euro für einen fünfjährigen tibetischen Mönch gingen sich schon aus. Diese Summe war was in Indien.“
 
Als später richtiges Geld da war, begann seine gemeinnützige Tätigkeit gleichfalls mit der Unterstützung für Einzelpersonen. „Nach dem Börsegang habe ich eine Million Euro zur Seite gelegt, wobei ich damit philanthropisch gesehen ein kleiner Fisch bin. Die Unterstützung von Einzelpersonen ist sehr zeitaufwändig. Ich habe ein kleines Komitee geschaffen, der Salzburger Caritas-Direktor, der Rotary-Sozialbeauftragte, meine Mutter, eine SP-Abgeordnete. Wir haben uns Fälle angeschaut, die wir unterstützen wollten“, beschreibt Dreyer-Salzmann die Startphase seines Gebens.
 
„Dabei bin ich draufgekommen, dass diese Einzelunterstützungen sehr unbefriedigend sind. Wie nachhaltig ist diese Hilfe? Es entsteht bei manchen Unterstützten eine Anspruchshaltung, die einem die Freude nimmt.“ Als Konsequenz dieser Erfahrung sei „Phase 2“ entstanden: „Ich habe dann nur mehr Institutionen unterstützt, wie das Kinderschutzzentrum oder die Kinderpsychiatrie.“

„Keine Aufgaben übernehmen, die Sache des Staats sind.“

Inzwischen sieht er seine philanthropische Arbeit in „Phase 3“ angekommen: „Heute mache ich nur noch Impact Investments“ – in der angelsächsischen Szene „venture philanthropy“ genannt. „Etwa eine Anschubfinanzierung für die Münchner sira Kinderbetreuung. Die richten Betriebskindergärten und Kitas ein, erwirtschaften inzwischen einen kleinen Gewinn. Damit werden sie nicht reich, aber sie können vielleicht das Kapital zurückzahlen, das ich wieder in philanthropische Initiativen stecken kann“, beschreibt Dreyer-Salzmann.
 
„Ich will als gemeinnütziger Stifter keine Aufgaben übernehmen, die Sache des Staates sind. Etwa bei Initiativen zur Ausstattung von Schülern mit Laptops: Ich finde es nicht gut, dass Lehrmittel von Privaten finanziert werden sollen. Oder wenn jemand einen Rollstuhl braucht – das ist eine öffentliche Aufgabe“, sagt Dreyer-Salzmann. „Ich will vor allem Innovationen unterstützen, in der Bildung und im Bereich der Ökologie, auch durch Anschubfinanzierung.“
 
Auch dabei kann man Geld in den Sand setzen, nicht nur bei kommerziellen Investitionen. Das hat er durch seine Unterstützung der Lehrerbewertungs-App „Lernsieg“ erfahren. „Ich habe 200.000 Euro in diese total kontroversielle App investiert, ohne davon auszugehen, dass etwas zurückkommt“, erklärt Dreyer-Salzmann seine Motivation. „Manche waren ganz wütend, andere sagten, warum nicht Lehrer bewerten, die selbst auch bewerten. Ich habe sechs Kinder, und die Bewertung von einem 8-jährigen ist immer sehr gut. Aber die Lehrergewerkschaft hat ohnehin gewonnen. Ich will niemand etwas Böses antun, ich fand das einfach spannend.“

„In Österreich ist Philanthropie nicht gewollt.“

Die Beurteilung des Effekts gemeinnütziger Unterstützungen sei ein sehr schwieriger Aspekt. „Anfangs suchte ich nach quantitativen Ansätzen. Aber da ich mich für Innovationen interessiere, auch als Investor und Business Angel, sehe ich, dass Kreativität und Innovation nicht so gut messbar sind. Da gehe ich mehr nach Gefühl und lasse mich von Büchern über Philanthropie inspirieren. Auch der Ansatz von MacKenzie Scott, der früheren Frau von Jeff Bezos, gefällt mir gut“, sagt Dreyer-Salzmann. Die Philanthropie von Scott, einer der reichsten Frauen der Welt, fiel vor allem dadurch auf, dass sie selbst aktiv nach Institutionen sucht, denen sie ohne Anfrage oder Ankündigung große Summen für deren Arbeit spendet.
 
Kritik hat Dreyer-Salzmann an der Haltung des Staates gegenüber der Spendentätigkeit gemeinnütziger Stifter. „Durch die Verdoppelung von Spenden wird die Richtung von Philanthropie stark steuerlich motiviert. In Österreich ist das philanthropische System nicht gewollt, da der Staat die Verteilung in seinen Händen behalten will. Steuerlich ist nur ‚Mildtätigkeit‘ absetzbar, aber nicht zum Beispiel Spenden für Bildung. Das ist ein Privatvergnügen der Spender.“ Das er sich trotzdem leistet – als Gründungsstifter und Vorstand der St. Gilgen International School Privatstiftung, die diese Bildungseinrichtung 2016 aus der Insolvenz rettete.

Dieser Beitrag erschien übersprünglich in Der Standard Karriere.

Veröffentlicht von