Lorenz Glatz: „Wenn ich an das rapide Tempo denke, in dem wir die Klimakatastrophe und das Artensterben vorantreiben, dann wird mir schlecht.“

„Welche Welt hinterlasse ich meinen zwei Söhnen?“

Stiften für das Gute: Eine Standard-Serie zum Thema gemeinnützige Stifterinnen und Stifter. Diesmal: Denkt man an gemeinnützige Stifter, kommen einem häufig Milliardäre wie Bill Gates, Warren Buffet oder George Soros in den Sinn. Lorenz Glatz jr. passt nicht in dieses Klischee der Superreichen, die im fortgeschrittenen Alter zu Philanthropen werden.

„Ich bin mit Glück zu etwas Geld gekommen, da ich zur ersten Generation gehörte, die Internet gelernt haben und damit in der Telekom-Branche eine steile Karriere hinlegen konnte“, sagt der 52-jährige Physiker, der Technikchef von Deutschlands größtem Kabelprovider Kabel Deutschland (heute Vodafon) war.
 
Nach der Karriere bei Kabel Deutschland ist Glatz heute Berater: „Wenn man einmal auf einem C-Level (Vorstandsfunktion, Anm.) war, dann ist das wie auf einem Gebrauchtwagenmarkt, die Leute werden recycled. Ich werde regelmäßig von Investoren, Lieferanten, Betreibern und Startups angefragt, ob ich helfen kann, und das tue ich – alles sehr technologisch bezogen im Internet-Umfeld“, beschreibt Glatz seine Arbeit im Gespräch mit dem STANDARD.
 
Wie kommt man von einem beruflich anspruchsvollen Leben dazu, einen Teil seines Wohlstands für gemeinnützige Arbeit abzutreten? „Die Lehnstuhlfrage“ habe ihn dabei geleitet, sagt Glatz, „ich stelle mir vor, ich sitze mit 85 im Lehnstuhl bei einem Drink und schaue durch das Fenster hinaus, hoffe auf ein paar Jahre vor mir, aber im Großen und Ganzen war’s das. Worauf will ich zurückschauen? Das habe ich in den letzten 25 Jahren zur Basis meiner Entscheidungen genommen. Dabei gibt es keine richtigen und falschen Antworten. Mich haben immer die Phasen großer Infrastruktur-Entstehung fasziniert, wie der Bau von Eisenbahnen. In meiner Generation war es Kabel-TV, aus Telekabel wurde Internettechnik. Und seit ich aus dem Hamsterrad im Konzern ausgestiegen bin, beschäftigt mich die Frage: Was ist der Zustand der Welt, welche Welt hinterlasse ich meinen zwei Söhnen?“

„Beitragen, dass die Welt in ökologischer und sozialer Weise ein besserer Ort wird“

Aus dem Blick vom Lehnstuhl in das Fenster der künftigen Vergangenheit wurde schließlich die gemeinnützige Munus Stiftung. „Wenn ich an das rapide Tempo denke, in dem wir die Klimakatastrophe und das Artensterben vorantreiben, wie kurzfristiges Gewinnstreben egalitäre Wirtschaftsmodelle verhindert, dann wird mir schlecht. Ich möchte dazu beitragen, dass die Welt in ökologischer und sozialer Weise ein besserer Ort wird, das ist mein zentrales Anliegen“, sagt Glatz. Das lateinische „Munus“ in seiner Doppelbedeutung Geschenk, als auch Aufgabe und Pflicht, ist Programm: Das Eigentum, das die Stifter der Stiftung schenken, soll von aktiven Personen genutzt werden können, ohne dass diese es besitzen und spekulativ verwerten können.
 
Gespräche über die Gründung der Stiftung zusammen mit anderen habe es seit 2014 gegeben, im März 2019 sei die Stiftung schließlich im Stiftungsregister eingetragen worden. Und es gebe inzwischen „eine ganze Pipeline“ von Menschen, die als Zustifter oder Unterstützer ihr Eigentum – meist Grund und Boden, oft auch bereits bestehende Initiativen – einbringen wollen.

„Mit Kommunismus verbinde ich zentrale Planwirtschaft, während bei uns die jeweils betroffenen Menschen entscheiden.“

Auf der Basis des Eigentums der Stiftung können dann „Nutzerinnengemeinschaften“ wirtschaften, wie etwa der Gärtnerhof Ochsenherz. Ursprünglich ein Kleinbetrieb, der Gemüse aus biologisch-dynamischem Anbau auf Märkten verkaufte, wurde daraus ein Verein, der seine Produkte gegen eine Jahreszahlung direkt an seine Abnehmer abgab. Wiederholt gab es aufwändige und teure Umsiedelungen, weil gepachtete landwirtschaftliche Flächen von deren Eigentümern verkauft und als Bauland verwertet wurden. Ein Teil der Absicherung vor der Gefahr weiterer Übersiedlungen entstand daraus, dass einige der Vereinsbetreiber die Äcker erwarben, auf denen die Gärtnerei anbaute. Zum anderen wurde die Munus Stiftung Miteigentümerin und bietet ein Sicherheitsnetz gegen den spekulativen Verkauf des Bodens, der die Lebensgrundlage der Gärtnerei gefährden könnte.
 
Ein kommunistisches Konzept, Herr Glatz? „Mit Kommunismus verbinde ich zentrale Planwirtschaft, während bei uns die jeweils betroffenen Menschen entscheiden. Der bessere Vergleich wäre mit der Bibel und den Aposteln, die keinen individuellen Besitz hatten und alles geteilt haben“, erklärt Glatz das Ziel der Stiftung. „Wir schützen die ökonomische Basis von bestehenden Initiativen, aber die Initiativen haben weiterhin die Entscheidungsgewalt.“
 
Die Stiftung stehe am Anfang und könne durch Zuwendungen weiterwachsen, sagt Glatz. Derzeit gebe es drei Liegenschaften, die gestiftet wurden, über drei weitere würde bereits konkret gesprochen. „Wir haben monatlich Anfragen und Interesse an der Tätigkeit der Munus Stiftung. Gleichzeitig sind wir auch auf der Suche, um das eingenommene Geld wieder auszuschütten.“ Eine Wachstumsgrenze sieht Glatz für das Konzept der Stiftung nicht. „Unser Zweck ist solidarisch emanzipatorisch, das ist ein unveränderbarer Teil der Stiftungssatzung. Veränderbar ist nur unsere Governance, wie wir zu Entscheidungen kommen. Falls die Stiftung wächst, können wir die Verwaltung ändern. Aber das ist eine Brücke, über die wir erst gehen, sobald wir dort sind.“
 
Trotz seiner Rolle als gemeinnütziger Stifter bekennt Glatz auch seine Ambivalenz gegenüber der Tätigkeit von Philanthropie. Viele der Aufgaben vor allem großer Stiftungen seien Aufgaben des ganzen Staates, des Gemeinwohls. „Was machen wir da überhaupt? Die Antwort fällt für mich leichter aus als für große Stiftungen. Wir bilden nur ab, was bereits da ist. Wir sind ein Werkzeug, das Initiativen und Menschen ein formales Zuhause bietet, das weiter zu tun, was es bereits gibt.“

„Ich zahle meine Steuern gern, es ist die Hälfte meines Einkommens.“

„Aber bei größter Wertschätzung für die Tätigkeit großer Stifter bleibt die Frage: Warum ist das notwendig, ist es nicht das Zeichen einer Schwäche unserer sozialen Strukturen, des Bildungsbereichs, des Kulturbereichs und so weiter. Es ist eine Art Reparaturbetrieb für die Gesellschaft: Wie viele Löcher haben wir, wo keiner hinschaut?“, sagt Glatz.
 
Wie steht er dann zu der Initiative mancher vermögenden Menschen, die selbst eine höhere Besteuerung ihres Vermögens fordern? „Das ist gescheiter, als dass sie selbst Philanthropen werden. Ich zahle meine Steuern gern, es ist die Hälfte meines Einkommens und ich weiß, dass wir damit ein funktionierendes Gesundheitssystem haben, funktionierende Schulen. Ich käme nicht auf die Idee, mein Geld in Steueroasen zu bringen. Für mich persönlich ist die Antwort ja.“

Dieser Beitrag erschien übersprünglich in Der Standard Karriere.

 

Veröffentlicht von