„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht auch in Braille auf dem Kunstwerk – für Martin Essl Inbegriff seines inklusiven Ansatzes. Foto: Zero Project

Aufstehen, auf den Jakobsweg gehen, neu erfinden

Stiften für das Gute: Eine Standard-Serie zum Thema gemeinnützige Stifterinnen und Stifter. Diesmal: Martin Essl machte vor 15 Jahren mit einem nobelpreisartigen Millionenpreis für Sozialprojekte von sich reden. Dann krachte sein Unternehmen und das Geld für die große Geste fehlte. Aus der Krise entstand ein inzwischen weltumspannendes Innovationsprojekt zur Umsetzung der UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderung.

Was bisher geschah: Ende der 2000-er Jahre fiel in der — überschaubaren — österreichischen Philanthropie-Szene ein Name auf, der vorher vor allem mit Kunstmäzenatentum in Verbindung gebracht wurde. Mit dem Essl-Sozialpreis in Höhe von einer Millionen Euro trat Martin Essl, Geschäftsführer der Baumax-Kette und Sohn des Unternehmensgründers und Kunstsammlers Karlheinz Essl, erstmals auf die Bühne von Österreichs Wohltäter. 2008, ausgerechnet am Höhepunkt der Finanz- und Kapitalismuskrise, wurde der Jesuitenpater Georg Sporschill als erster Preisträger für seine langjährige Arbeit mit Straßenkindern in Rumänien, Moldau und der Ukraine ausgezeichnet.
 
Essl war mit steilen Ambitionen in seine philanthropische Karriere eingestiegen. Als Muhammed Yunus, Erfinder der Mikrokredite, als „Banker der Armen“ wenige Jahre davor den Friedensnobelpreis erhalten hatte, „habe ich angenommen, dass Yunus seinen Preis für soziale Leistungen erhalten hat“, sagte Essl damals im Gespräch mit dem Autor. „Aber den gibt es nicht“, also beschloss Essl, einen Sozialpreis in Höhe eines Nobelpreises für das Lebenswerk sozialer Unternehmer zu stiften.
 
Nachdem der Preis einige Male vergeben wurde, holte die globale Finanzkrise spät, aber doch die Baumax-Kette und damit auch den Millionenpreis ein. Das Unternehmen war stark in den neuen, ost- und südosteuropäischen EU-Märkten gewachsen, machte dort bereits mehr als die Hälfte seines Umsatzes und Gewinns. Doch mit der Finanzkrise kam die Kreditklemme, und diese traf vorwiegend die kleinen Häuselbauer, die Hauptkunden von Baumax.
 
Mit Mühe gelang es Martin Essl, das Unternehmen „abzuwickeln“ und einen Konkurs zu vermeiden. Ein Teil der Märkte wurde geschlossen, Warenbestände wurden verkauft, 2014 landeten schließlich die letzten noch in Betrieb befindlichen Märkte bei unterschiedlichen Interessenten. Auf der Strecke blieben auch die vom Vater aufgebaute Kunstsammlung samt Essl-Museum, sowie der üppig dotierte Essl-Sozialpreis.
 
Krönchen richten
 
Aufstehen, auf den Jakobsweg gehen, neu erfinden: Aber in der Krise zeigte Martin Essl sein Stehvermögen und die Entschlossenheit, der philanthropischen Arbeit nicht den Rücken zu kehren. Eine Insolvenz kam für ihn nicht in Frage. „Es war mir wichtig, das Unternehmen im laufenden Betrieb zu übergeben, damit die Mitarbeiter unterkommen, vor allem auch die Mitarbeiter mit Behinderung.“ Es war ein jahrelanges Engagement der Familie Essl, Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen Arbeitsplätze in den Baumax-Märkten zu geben. Das sei auch weitgehend gelungen. „Ich wollte in der Früh in den Spiegel blicken und eine Neuausrichtung meines Lebens durchführen können.“
 
„Ich bin dann am Jakobsweg gegangen, 40 Tage in die Wüste, um mich als 52-jähriger neu zu orientieren. Ich bin heute dankbar, ein neues Leben zu führen. Gott habe ich versprochen, dass ich bereit bin die Hälfte meiner unternehmerischen Zeit guten Dingen zu widmen“, beschreibt Essl die Metamorphose. Wir sitzen für unser Gespräch im Shared Space des „Haus der Philanthropie“ in dem von Theophil Hansen für die frühere Wiener Börse errichteten Prachtbau. „Nach dem Unternehmensverkauf stellte sich die Frage, wo will ich meine Zelte aufschlagen. Daraus entstand dann mit anderen gemeinnützigen Stiftungen das Haus der Philanthropie. In Wahrheit ist es eine Bürogemeinschaft mit 500 Quadratmeter für 14 gemeinnützigen Organisationen, die in vielen Bereichen tätig sind.“ Eine davon ist Ashoka, eine weltweit tätige NPO, die Sozialunternehmen fördert. Den Start in Wien verdankt das österreichische Büro auch dem Essl-Preis, der 2010 an den US-Ashoka-Gründer Bill Drayton ging.
 
Nach dem Unternehmensverkauf 2014 habe er die sozialen Aktivitäten der Stiftung auf neue Beine stellen müssen, sagt Essl. „Es gab damals einen Parallellauf, den Essl Sozialpreis und den Essl Social Index. Dann fehlte das Geld und wir haben mit dem Zero Project ein ,Best of‘ von beiden gefunden, in das wir unsere volle Kraft hineingesteckt haben. Zero Project steht für das Ziel, allen Barrieren für Menschen mit Behinderungen entgegenzuwirken.“ Leitbild dafür ist die Umsetzung der UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderung, die Österreich 2008 ratifiziert hat. Aber die Umsetzung dieses Anspruchs ist weiterhin mangelhaft, in Österreich ebenso wie in aller Welt.
 
Lösungen für Probleme zeigen
 
Nur einen jährlichen Index sozialer Entwicklung zu veröffentlichen sei zu wenig gewesen, „wir wollten Lösungen für Probleme zeigen, die andere nutzen können“. Aus dem Familienunternehmen habe er gelernt, Änderung erfolgt durch Innovation, „das suchen wir jetzt für die Inklusion von Menschen mit Behinderung in aller Welt“. Jährlich gebe es „Calls for Innovation“, die rund 500 bis 700 Nominierungen nach sich ziehen. 1000 Experten aus aller Welt würden diese in einem dreistufigen Verfahren „eindampfen“, sagt Essl und 80 Siegerprojekte küren. Kriterien seien Innovationskraft, Impact, und vor allem auch Skalierbarkeit, um Neuerungen von einem Land in ein anderes bringen zu können.
 
Die groß angelegte Suche nach innovativen Projekten mündet schließlich mit der Präsentation der 80 Projekten in einer jährlichen Konferenz in der UNO City in Wien. Hier ist auch die für die Umsetzung der Konvention verantwortliche Agentur der Vereinten Nationen ansässig. Wie in vielen Bereichen hat auch dabei Corona Änderungen erzwungen. Bis 2019 wurde die Konferenz mit fast 1000 Teilnehmern und 200 Vortragenden „analog“ abgehalten, am Vortag der UN-Konferenz im österreichischen Parlament. 2021 musste die Veranstaltung in den Online-Raum ausweichen – was ihre Reichweite wesentlich erhöhte. „Wir haben das auf drei Kanälen mit 85 Stunden Programm drei Tage lang bespielt. Der Lohn für den riesigen Aufwand war, dass wir 10.000 statt 1000 Leute erreicht haben“, sagt Essl. Heuer werde die Konferenz hybrid stattfinden, mit rund 400 Teilnehmern vor Ort, und erhofften 10.000 online.
 
Zu den ausgezeichneten Projekten, die auch in Österreich Anklang fanden, gehörte zuletzt das dänische „Be My Eyes“, eine App, bei der sehbehinderte Menschen in Alltagssituationen wie dem Einkauf im Supermarkt Hilfe durch freiwillige Buddies erhalten können. Je nach Situation kann dabei etwa ein Etikett über die Kamera gesprochen erklärt werden. Ein israelisches Projekt, gleichfalls ausgezeichnet, kann mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz die schwer verständliche Sprache „nonverbaler“ Personen, etwa nach einem Schlaganfall, übersetzen.
 
Die Umsetzung von Innovationen will Essl nicht allein einer Konferenz überlassen, selbst wenn sie große Reichweite hat. Ein Marktplatz nach Art von Booking.com macht die vielfältigen Erfahrungen online dauerhaft zugänglich. Die Zusammenarbeit mit einer chilenischen Familienstiftung wirkt in den spanischen Sprachraum hinein. Accelerator-Programme für besonders vielversprechende Projekte sollen helfen, den Impact in andere Länder zu übertragen. Unternehmensdialoge, die Essl in Österreich hält, werben dafür mehr Menschen mit Behinderung einzustellen. „Uns geht es um Inklusion. Jeder Mensch, egal in welcher Situation, muss dieselben Chancen haben. Die Qualität einer Gesellschaft ist es, wie sie mit Menschen umgeht, die aus dem Gros der Bevölkerung herausfallen. Das sind 15 Prozent, und keine Randgruppen“, beschreibt Essl seine Mission.
 
Für gemeinnützige Stifter sieht Essl in Österreich trotz guter Entwicklungen in den letzten Jahren „Luft nach oben“. Es habe sich zwar viel getan, mit den „Sinnstiftern“ haben sich inzwischen 12 Stiftungen zusammengeschlossen, die gemeinsam unterschiedliche Sozialprojekte und Bildungsinitiativen entwickeln. Das Ziel dabei sei nicht, staatliche Verantwortung zu ersetzen, sondern Neuerungen zu schaffen, die dann von der öffentlichen Hand übernommen werden.
 
„Aber wer Bildungsinnovationen unterstützt muss Kapitalertragssteuer zahlen. Das passt nicht. Wenn die Zivilgesellschaft will, dass vermögende Menschen mehr für die Gesellschaft tun, muss man auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.“
 
Dieser Beitrag erschien übersprünglich in Der Standard Karriere.
 

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