Wanda Moser-Heindl hat vor über 20 Jahren die Unruhestiftung gegründet.

Die Marie der Unruhe-Stifterin

Stiften für das Gute: Eine Standard-Serie zum Thema gemeinnützige Stifterinnen und Stifter. Diesmal: Seit bald 20 Jahren steckt Wanda Moser-Heindl ihr Vermögen in Preisgelder für soziale Innovation, die „SozialMarie“. „Wenn wir privates Geld in die Hand nehmen, muss das zum Querdenken und Ausprobieren genutzt werden“, sagt die Gründerin der Unruhe-Privatstiftung.

Wie viele Stifterinnen, die eine sinnvolle Aufgabe für ihre gemeinnützige Tätigkeit suchen, brauchte auch Wanda Moser-Heindl eine Phase des Ausprobierens. Bereits im Jahr 2000 hatte die Unternehmensberaterin die Unruhe-Stiftung zusammen mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Fritz, einem Physiker gegründet. Das Gründungskapital kam aus einer Erbschaft, „wir wollten mit dem Geld, das wir nicht für uns brauchen, Sinnvolles tun.  Fritz hat immer das physikalische Moment der Unruhe interessiert, aus dem Neues entsteht“, beschreibt Moser-Heindl. „Ohne Unruhe gäbe es keine Weiterentwicklung.“
 
Sehr rasch entdeckten auch die Mosers, dass ihr Stiftungskapital für die direkte Finanzierung von Projekten oder Hilfen für bedürftige Menschen nicht reicht. Vorbilder hatten sie keine, ihre Entwicklung war „Learning by doing“, beschreibt die Stifterin. Aus den Anträgen vieler einzelner Projekte um Unterstützung entstand die Einsicht, dass ihnen selbst die Expertise zur Beurteilung fehlte. Daraus entstand die Idee, soziale Innovationen mit Preisgelder auszuzeichnen. Die Beurteilung der zahlreichen Initiativen sollten ExpertInnen übernehmen. 2005 ging schließlich das erste Mal die „SozialMarie“ („Marie“ ist wienerisch für Geld) über die Bühne. „Unser Ansatz war, wenn wir privates Geld in die Hand nehmen, muss das zum Querdenken und Ausprobieren genutzt werden.

„Wenn man den guten Ideen nicht unter die Arme greift, geht nichts weiter.“

In den 18 Jahren der Vergabe dieses „Gütesiegels für soziale Innovation“ (Moser-Heindl) wurde die SozialMarie zu einer Institution der gemeinnützigen Szene. Galt ursprünglich die Qualifikation „im Umkreis von 300 Kilometern von Wien“ als geografisches Kriterium zur Einreichung – „wir wollten in der Lage sein, uns zusammen mit ExpertInnen und der Jury von den Projekten selbst einen Eindruck zu verschaffen“ – so werden die Preise inzwischen für Initiativen aus sechs Länder vergeben: Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Kroatien und Slowenien. Für die SozialMarie 2021 haben sich insgesamt 299 Projekte einem aufwändigen Auswahlverfahren gestellt.
 
„Der größte Teil der Initiativen beschäftigt sich mit Bildung, Pflege- und Sozialdiensten und Diversity. Im vergangenen Jahr hat eine österreichische Initiative von migrantischen 24-Stunden-BetreuerInnen, die IG24, den Hauptpreis gewonnen“, sagt Moser-Heindl. „Die waren in allen Medien im Vorjahr, aber es geht bei Pflegerinnen gar nichts weiter, es gibt keine Versicherung, und viele andere Probleme sind ungelöst.“ Dies zeige die Schwierigkeit von sozialen Innovationen, beschreibt die Unternehmensberaterinnen: „Die Leute haben gute Energie, aber sie scheitern, weil sie sich das gar nicht leisten können, ihre Innovationen weiter zu betreiben. Es gibt kein Geld und keine Ressourcen dafür. Wenn man den guten Ideen nicht unter die Arme greift, geht nichts weiter. Die SozialMarie vergibt darum Preisgeld auch an Projekte, wenn sie schon eine Stufe weiter sind und gezeigt haben, dass sie ihr Thema auch umsetzen können.“

„Viele machen gute Arbeit, aber experimentieren nicht.“

Was „Innovation“ ausmacht, dafür hat die Unternehmensberaterin klare Kriterien. „Die Idee zur Lösung einer Herausforderung der Gesellschaft muss neu sein“, zählt Moser-Heindl auf. „Die Methode muss eine andere sein als bisher zur Lösung bestimmter Themen entwickelt wurde. Viele machen gute Arbeit, aber experimentieren nicht. Die Zielgruppe muss in das Projekt eingebunden sein. Und es geht auch um die Außenwirkung: Wie können andere von ihnen lernen, ist das Projekt überhaupt sichtbar, wie gehen sie mit Medien um.“
 
Damit die Siegerprojekte nach ihren „15 Minutes of Fame“ bei der Preisvergabe nicht wieder verschwinden gibt es eine einjährige Projektbegleitung durch ExpertInnen, sowie EhrenschützerInnen, die bei der Sichtbarkeit unterstützen sollen. In Österreich haben beispielsweise die Kabarettisten Josef Hader und Michael Niawarani mit Benefizveranstaltungen „ihre“ Projekte unterstützt. Für das letztjährige Siegerprojekt IG24 hat die Wiener Rapperin und Dichterin Yasmo (Yasmin Hafedh) den Ehrenschutz übernommen. Über 18 Jahre SozialMarie ist aus hunderten ausgezeichneten Projekten ein beachtliches Netzwerk entstanden, das durch sein Expertenwissen die Entwicklung einzelner Initiativen unterstützen kann.

Welche Einsichten bringen fast ein Viertel Jahrhundert gemeinnützige Tätigkeit als Stifterin? „Die Unruhe-Stiftung ist in ihrer Tätigkeit gemeinnützig, aber sie ist eine Privatstiftung, die auch Kapitelertragssteuer zahlen muss. Wir hatten damals keine Erfahrung, heute würde ich natürlich eine gemeinnützige Stiftung machen“, beschreibt Moser-Heindl. „Darum mache ich Projekte zusammen mit den Sinnstiftern“, ein Zusammenschluss von derzeit 15 Stiftungen, um mehr Wirkung zu erzielen. Diese „Überbau-Stiftungen“ erscheinen als Einmaligkeit der österreichischen Stifterszene, sagt Moser-Heindl. Mit wenigen Ausnahmen einiger „wirklich vermögender Stifter“ würden sich Einzelne schwer tun, einen nachhaltigen Impact zu erzielen. „Aber so können auch kleine Stiftungen wie ich ihren Beitrag leisten.“

„Das Thema Gerechtigkeit hat mich überfordert.“

Die Sinnstifter „suchen innovative Bildungsprojekte, die Anschubfinanzierung und Coaching bekommen, damit sich die Projekte verbreitern können. Wir glauben, dass Reformen in der Bildung nicht von oben kommen. Es gibt wahnsinnig tolle Initiativen innerhalb und außerhalb von Schulen, von Elternorganisationen, gemeinsam mit Lehrern und Schülern, die das Schulwesen voranbringen. Die muss man unterstützen, damit sie größer werden.“ Verhindern solche privaten Initiativen nicht politische Änderung im öffentlichen Bereich, um Verbesserungen zu erzielen?  „Kann sein, kann auch nicht sein. Wir coachen Projekte, damit sie Wachstum und Wirkung haben. Ich kann nicht darauf warten, dass ein Schulsystem zusammenbricht und neu entsteht.“
 
„Die Welt ist ungerecht, wo immer man hinschaut, auch bei der Ukraine“, sinniert Wanda Moser-Heindl über ihr langjähriges Engagement, „die gemeinnützigen Stiftungen können ein bissl einen Ausgleich schaffen. Das Thema Gerechtigkeit hat mich überfordert: Ich war gelähmt, was soll ich zur Gerechtigkeit beitragen? Jetzt, wo ich weiß, dass ich da und dort einen Ausgleich bringen kann. Das gibt mir wieder mehr Freiraum zu Handeln.“

Dieser Beitrag erschien übersprünglich in Der Standard Karriere.
https://www.derstandard.at/story/2000135608242/die-marie-der-unruhestifterin

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